Ein paar Kapuzenpullis hat er noch zu Hause im Schrank, fünf insgesamt, aber die zieht er nur an, wenn er spätabends auf der Couch liegt, die Füße hoch. Im Büro? Undenkbar. Dort trägt er Anzug, maßgeschneidert, weißes Hemd mit Manschettenknöpfen und eingewobenen Initialen: SPK, für Sven Philipp Kalweit, Rufname Philipp. 18 Jahre ist Kalweit alt, seit zwei Jahren hat er eine eigene Firma, Kalweit Internet Security (ITS). Seine Berufsbezeichnung: Hacker. Hacker, so sieht es das Klischee vor, tragen Hoodie, essen Pizza und verschanzen sich hinter Bildschirmen im Keller. Philipp Kalweit nervt dieses Klischee gewaltig. Er will das Bild seiner Branche ändern, weil er findet: Dass er und seine Kollegen gegen das Böse im Netz kämpfen, darf nicht von einem Zerrbild lächerlich gemacht werden.

Wie wichtig ihre Arbeit ist, haben die vergangenen Wochen gezeigt. Erst veröffentlichte ein 20-jähriger Schüler private Daten von 1000 Politikern, Journalisten und Prominenten. Dann kam heraus, dass Firmen weltweit wegen eines digitalen Schädlings mehr als zwei Milliarden Euro an Erpresser zahlten. Und dass zwei Milliarden gestohlene E-Mail-Adressen und Passwörter ins Netz gelangten.

Philipp Kalweit empfängt in seinem Firmensitz, zwischen Spielbank und Alster gelegen. Die Konferenzräume in dem gläsernen Hochhaus tragen Namen von Metropolen, New York, London. Er legt zwei Smartphones auf den Tisch und sagt: "Wir sind so rückständig in Deutschland. Das Internet verändert sich rasend schnell, in diesem Land aber kümmern sich bei den meisten Unternehmen Männer um die Sicherheit der Netzwerke, die noch vier, fünf Jahre bis zur Rente haben und dafür abgestellt werden. Das ist unglaublich."

Kalweit arbeitet täglich mit diesen Männern zusammen. Seine Firma verspricht ihnen, ihre Unternehmen vor Hackern und Datendieben zu bewahren – indem es sie testweise angreift. Pro Tag kostet die Dienstleistung eines jeden aus seinem Team 1.124 Euro netto. Vier Angestellte hat er, die mit ihm abwechselnd zu den Unternehmen fahren und die Netzwerke überprüfen. Je nach Bedarf holt er weitere Mitarbeiter hinzu, insgesamt sind es gut 30. Er ist der Chef, immer der Jüngste und immer derjenige, der weiter will, nicht nur in seinem Job.

Kalweit will das Image seiner Branche durch Vorträge, Diskussionen und Beiträge in Medien verändern. Er will erreichen, dass die Menschen ihre Angst vor dem Digitalen verlieren und nicht mehr sagen: Verstehe ich nicht, zu kompliziert. IT-Sicherheit bedeutet für ihn keine Regulierung, sondern eine Möglichkeit, weil es doch sei wie beim Bungeespringen: "Du kannst es nur machen, wenn du gesichert bist." Er will, so formuliert er es, mit seiner Arbeit Deutschland sicherer machen.

Dieser Satz kann wahnsinnig arrogant klingen, vermessen und naiv. Philipp Kalweit weiß das und sagt ihn trotzdem, in lässig-selbstverständlichem Ton. Sein ganzes Leben lang wurde er belächelt und unterschätzt: Was will der Bubi uns erzählen? Diese Haltung klang oft durch. Am Ende erzählte er so überzeugend, dass er Investoren für sich einnahm und Kunden gewann.

Als kleiner Junge träumte Kalweit davon, Wissenschaftler zu werden. Er tüftelte mit Experimentierkästen und züchtete Kristalle. Mit neun begann er, an Computern herumzuschrauben (zum Beispiel an dem Rechner auf unserem Bild), lernte zu programmieren und verbrachte Stunden damit, nach Fehlern in Netzwerken zu suchen. Bis er sie fand. Bei Bombardier kam er an interne Konstruktionspläne, bei einer Bank an ein Organigramm. Er sagt: "Dieses Gefühl, mehr zu wissen als die Entwickler, ist enorm, das zieht dich immer weiter rein." Kalweit war 16, als er eine Firma gründen wollte. Eigentlich geht das in Deutschland erst mit 18, aber seinen Kunden zu sagen "Meine Mutter bürgt für mich" wäre unprofessionell gewesen. Ein Gericht sprach ihm das Recht zu, als zweitem Jugendlichen überhaupt im Land. Mittlerweile arbeitet Kalweit mit großen Firmen zusammen, auch aus Hamburg, deren Namen nicht in der Zeitung stehen dürfen, weil er eine Verschwiegenheitsklausel unterschrieben hat.

Philipp Kalweit, der in Buchholz aufwuchs und in Fuhlsbüttel wohnt, hat alle Voraussetzungen, das frische Gesicht des digitalen Wandels in Deutschland zu werden: Er sieht gut aus, kommt gut an, verkauft sich sehr gut und ist ein sympathisch nerdiger Sonnyboy. Nur ein Bild von sich mag er nicht: "Manche Leute halten mich für einen Schnösel", sagt er, "wegen meiner Klamotten, aber das bin ich nicht!" Seinen Vater kennt er nicht, seine Mutter zog ihn allein auf. Sie stammt von den Philippinen, verdiente ihr Geld viele Jahre mit Putzen, häufig hatte sie drei Jobs gleichzeitig. Ihr Sohn, der im Anzug aussieht wie der perfekte Businessman, will das nie vergessen. Neben seiner Couch steht eine kleine Büste von Karl Marx. Und seit er 16 ist, ist er Mitglied der Linken.