Der amerikanische Staatsbürger Dennis Snower (68) wuchs in Wien auf, studierte in Oxford und Princeton und wurde Volkswirtschaftsprofessor an einem College der Universität London. Dort machte er sich vor allem einen Namen als Arbeitsmarktforscher. 2004 wurde er Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Im März wird er das Amt an den österreichischen Wirtschaftsprofessor und Außenhandelsexperten Gabriel Felbermayr übergeben, der bislang am Münchener ifo-Institut arbeitet. Snower lehrt und forscht künftig in London, Washington und Berlin.

DIE ZEIT: Im Jahr 2004 kamen Sie aus London an die Spitze des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Deutschland ist es gewohnt, seine Ökonomen schnell in links und rechts einzuteilen. Der oberste Gewerkschaftsökonom ist traditionell links, der Chef des Instituts der Deutschen Wirtschaft rechts. Bei Ihnen war das schwer zu sagen. Sie hatten mal marktnahe Reformen gefordert, mal die Benachteiligung von Arbeitslosen in einer Theorie erklärt. Hat Deutschland Sie überhaupt verstanden?

Dennis Snower: Nein, ich glaube nicht, dass ich hier jemals verstanden wurde. Man versuchte mich in ein Schema zu quetschen. Und man hat mir immer wieder gesagt, dass, weil ich Präsident des Kieler Instituts bin, ich doch bitte die marktorientierten, wirtschaftsfreundlichen Aussagen machen solle. Und als man mich Dinge gefragt hat, die anderer Antworten bedurften, haben Journalisten mir in den ersten Jahren gesagt: "Nein, nein, so antwortet ein Präsident des Instituts für Weltwirtschaft nicht. Was er zu sagen hat, ist Folgendes ... darf ich das jetzt zitieren?" Ich dachte, ich höre nicht richtig.

ZEIT: Waren Sie damals im Zweifel nun eher ein linker Keynesianer, der auf die Nachfrage achtet, oder ein rechter Neoklassiker, der sich auf die Angebotsseite konzentriert?

Snower: Weder noch. Ich sah mich als jemand, der die Struktur der Wirtschaft verstehen will. Die Seite des Angebots und die der Nachfrage sind da gar nicht voneinander zu trennen. Aber viele Leute wollten nur verstehen, wie wirtschaftliche Probleme entweder rechts oder links zu behandeln seien. Und ich sollte mich irgendwo einreihen. Es gab rechte Institute und linke Institute, und man wollte ein Streitgespräch. Mehr nicht. Damit konnte ich mich nie abfinden.

ZEIT: Hat Kiel mit einem anderen Snower gerechnet als dem, der dann kam?

Snower: Ganz bestimmt! Ich wusste, ich bin kein neoliberaler Ökonom, und es hat mir sehr imponiert, dass mich ein Institut berief, das zur damaligen Zeit so tickte.

ZEIT: Was genau trieb Sie damals an?

Snower: Als ich nach Kiel kam, war es die große Aufgabe, zu verstehen, was Weltwirtschaft bedeutet und was Menschen auf der globalen Ebene antreibt.

ZEIT: Zu welchen Schlüssen kamen Sie?

Snower: Weltwirtschaft heißt nicht nur Handel und Kapitalströme, sondern das Zusammenspiel zwischen ökonomischen, politischen, sozialen und ökologischen Systemen. Man kann Klimawandel nur verstehen, wenn man ihn im Zusammenhang mit den weltwirtschaftlichen Aktivitäten bringt. Und man kann Handelskonflikte nur verstehen, wenn man die Weltwirtschaft in ein politisches System bettet. Nach der Finanzkrise wurden die riesigen gesellschaftlichen Spannungen besonders wichtig, die mit alldem zu tun haben.

ZEIT: Und dieses Problem ist mit dem Links-rechts-Schema nicht zu fassen?

Snower: Überhaupt nicht. 2006 habe ich angefangen, mir große Sorgen zu machen über die Stabilität der Weltwirtschaft. Meine Schwester, eine Bankerin, sagte immer: "Dein Timing ist furchtbar, du verlierst so viel Geld." Schließlich kam die Krise 2008 wirklich. Und danach wurden die grundlegenden Probleme der Weltwirtschaft nicht etwa gelöst, sondern man versuchte einfach, schnell wieder so weiterzumachen wie zuvor. Langsam entstand der Ärger der Zurückgelassenen. Und der zeigte ganz genau: Die ökonomische Sichtweise, wonach der Mensch nur getrieben wird von Eigennutz und dem Wunsch nach materiellen Gütern und Dienstleistungen, ist für viele der Zurückgelassenen einfach nicht so relevant.