Zum politischen Grundkonsens der Bundesrepublik gehört die feste Überzeugung, dass sich aus Kriegen nichts lernen lasse – außer dass man sich besser von Anfang an nicht darauf eingelassen oder eine aktive Politik der Kriegsverhinderung betrieben hätte. In den Jahrhunderten zuvor waren Kriege bevorzugte Lernfelder, selbstverständlich des Militärs, die taktische und strategische Entscheidungen nachspielten und sich noch einmal den logistischen Herausforderungen widmeten, aber auch der Politiker, die sich mit der Zweckdienlichkeit der Bündnisse, der Verfolgung von Kriegszielen und der Revisionsoffenheit von Friedensschlüssen beschäftigten. Was kann der Tübinger Historiker Dieter Langewiesche also gemeint haben, als er seinem Buch über die Kriege des 18. bis 21. Jahrhunderts den Titel Der gewaltsame Lehrer gab?

Dieser Titel ist an eine Formulierung des antiken Historikers Thukydides angelehnt, der gleich zu Beginn seiner großen analytischen Darstellung des Peloponnesischen Krieges vom Krieg als einem "gewalttätigen Lehrer" spricht, womit er sagen wollte, man könne aus den von ihm beschriebenen Ereignissen "für alle Zeit" etwas lernen: wie klug der Kriegsplan des Perikles angelegt gewesen sei, wie seine Nachfolger unter dem Eindruck temporärer Erfolge davon abgewichen seien und immer weiter reichende Ziele verfolgt hätten und wie sich die Athener schließlich auf Unternehmungen eingelassen hätten, an denen sie scheitern mussten. Den Übermütigen und Leichtsinnigen bringt der Krieg mit Gewalt bei, was sie hätten wissen können, wenn sie mehr politische Urteilskraft besessen hätten. Er ist eben ein "gewalttätiger Lehrer".

Man kann diese Art eines Lernens durch Leiden auch auf die europäische Kriegsgeschichte der letzten drei Jahrhunderte anwenden – doch genau das tut Langewiesche nicht. Dem Krieg fällt in seiner Darstellung eher die Rolle einer Produktivkraft als die eines Lehrers zu: Ohne Krieg wäre keine der Revolutionen zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert erfolgreich gewesen, und auch die Nation hätte sich als räumliche Vorgabe für die Ausdehnung wie Begrenzung des Staatsgebiets nicht durchgesetzt. Dementsprechend ist der Krieg von denen, die den Fortschritt auf ihre Fahnen geschrieben hatten, fast immer als Instrument des Fortschritts angesehen worden. Wenn die Partei des Fortschritts hingegen vor den materiellen Kosten und dem menschlichen Leid eines zunächst nach innen und anschließend auch nach außen geführten Krieges zurückschreckte, triumphierten zuletzt die Kräfte der Beharrung, gar der Reaktion. Freilich ist der Wille zur Führung eines Bürgerkriegs, wie das Beispiel der Pariser Kommune 1871 zeigt, kein Garant für den Sieg der Revolution. Und war das Ergebnis tatsächlich die Opfer des Russischen Bürgerkriegs von 1918 bis 1922 wert, die zahlenmäßig die russischen Toten des Ersten Weltkriegs übertrafen?

Langewiesche entzieht sich dieser Nachfrage, indem er beansprucht, nur die Sicht der jeweiligen Akteure darzustellen, also als Historiker zu arbeiten und nicht als Geschichtsphilosoph. Das fällt Langewiesche beim Blick auf die Revolutionskriege sichtlich schwerer als bei seiner Beschäftigung mit Kriegen, aus denen Nationalstaaten hervorgegangen sind. Deren Entstehung ist für ihn, zumindest implizit, mitunter aber auch explizit, das Ziel der jüngeren Geschichte, weswegen er dem Nationalitätenstaat, wie ihn einige Reformer des wankenden multinationalen Habsburgerreichs anstrebten, keine Chance gibt. Dass die Donaumonarchie am Ende des Ersten Weltkriegs unterging, war in Langewiesches Sicht unvermeidlich. Sie hatte keine Zukunft. Aber ohne Krieg ließ sich dieses Relikt der Vergangenheit nicht beseitigen.

Über all das lässt sich streiten – sowohl im Hinblick auf den gewaltsamen Zerfall des mithin als Klein-Habsburg bezeichneten Jugoslawiens als auch unter Bezug auf die Europäische Union als ein Projekt auf dem Weg zu einer Art von Nationalitätenstaat. Langewiesche bleibt ambivalent: Der Untergang Jugoslawiens in einem blutigen Bürgerkrieg dient ihm als Bestätigung seiner Generalthese, während er mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit der EU von einem Bruch spricht, in dem die Regeln des 18. bis 20. Jahrhunderts obsolet geworden seien. Aber handelt es sich dabei um einen endgültigen Bruch, durch den der "gewalttätige Lehrer" ein für alle Mal in den Ruhestand versetzt wurde, oder nur um eine befristete Unterbrechung seiner Lehrtätigkeit? Langewiesche lässt das offen. Das hat auch damit zu tun, dass er sich mit den Theorien zu einem grundlegenden Gestaltenwechsel des Krieges in den letzten zwei, drei Jahrzehnten nicht anfreunden kann und eher bis in die Gegenwart hineinreichende langfristige Entwicklungslinien herausstellt. Demgemäß ähneln die Kriege unserer Tage – die in Zentralasien, im Nahen Osten und auch die in Afrika – den Kolonial- beziehungsweise Imperialkriegen, die von den Europäern bis ins 20. Jahrhundert hinein außerhalb Europas geführt wurden, und einige dieser Kriege weisen auch eine Nähe zu den Revolutionen und Bürgerkriegen auf, welche die europäische und die amerikanische Geschichte geprägt haben. Sie seien jedenfalls nicht neu. Aber wieso sollen wir dann darauf vertrauen, dass der Krieg aus den innereuropäischen Konstellationen verschwunden sei?

Man kann darauf setzen, dass der Krieg in der europäischen Zukunft keine Rolle mehr spielt, aber dann muss man sehr viel genauer als Langewiesche begründen, warum der "gewalttätige Lehrer" in Europa nicht mehr tätig sein wird. Dennoch: Langewiesche hat ein zu kontroversen Debatten anregendes Buch geschrieben. Zudem hat er eine Fülle von Material verarbeitet, das er in jahrelangen Forschungen zusammengetragen hat; vor allem aber hat er bei allem Abwägen doch auch immer wieder Urteile gefällt, die der Behaglichkeit entgegenstehen, in der eine sich in historischer Ruhestellung wähnende Gesellschaft sich eingerichtet hat.

Dieter Langewiesche: Der gewaltsame Lehrer. Europas Kriege in der Moderne. C. H. Beck, München 2019; 512 S., 32,– €