Huch, ein Wort ist wieder da: Industriepolitik. Hatte es jemand vermisst? Und es ist die deutsche Regierung, die sich dazu bekennt. Der Wirtschaftsminister, die Kanzlerin, der Finanzminister. Letzterer hat sogar schon einen Plan. Eine Industriepolitik für Banken hat Olaf Scholz vor ein paar Monaten angekündigt. Heute ist klar, was er damit meinte: Hinter den Kulissen wirbt sein Ministerium dafür, Deutsche Bank und Commerzbank zusammenzuschließen. Eine große, auch global starke Bank mit Sitz in Frankfurt, die Deutschlands Konzerne verlässlich mit Geld versorgt, das ist der Traum. Deutschland sucht die Superbank.

So super wäre diese Bank aber gar nicht. Der Zusammenschluss, getrieben vom deutschen Staat, ist mindestens waghalsig. Man könnte auch sagen: Es ist eine Idee, auf die man kommt, wenn einem nichts anderes mehr einfällt. Ja, es nervt, dass der Steuerzahler immer noch an der Commerzbank beteiligt ist. Und, ja, das Land kann eine starke Bank mit Sitz in Frankfurt gebrauchen. In der Finanzkrise hat sich gezeigt, dass im Ernstfall Banken eben doch national werden, weil sie auch national gerettet werden. Aber eine starke Bank entsteht nicht, wenn man zwei Großbanken mit Problemen zusammenschließt. Zwei Pinguine können auch dann nicht fliegen, wenn sie einander an den Flügeln halten.

Nicht alles, was groß wird, ist auch stark. Beide Banken schwächeln schon heute

Wie mäßig die Lage der Branche ist, zeigt sich, wenn man zurückschaut. Als einst, es scheint Äonen her, die Deutsche Bank mit der Dresdner Bank zusammengehen wollte, war das Land geblendet vom Größenwahn dieses Plans. Damals sollte die größte Bank der Welt entstehen, ein Koloss, glitzernd und Furcht einflößend. Das war im Jahr 2000 – und es scheiterte. Wenn jetzt, 20 Jahre später, die Deutsche Bank mit der Commerzbank fusioniert, die mittlerweile die Reste der Dresdner Bank geschluckt hat, dann wird die neue Bank zwar nach ihrer Bilanzsumme recht groß, aber deshalb nicht stark. An der Börse sind beide Institute weit abgeschlagen.

Mit einem Zusammengehen wächst die Unkontrollierbarkeit, die insbesondere bei der Deutschen Bank schon heute erheblich ist. Wie oft hat man in den vergangenen Jahren geglaubt, der Tiefpunkt sei erreicht, jetzt gehe es nicht mehr tiefer. Doch immer kam ein neuer Skandal, eine Bürodurchsuchung, eine Strafzahlung. Die Bank zu steuern, das scheint fast unmöglich. Immerhin, Christian Sewing, vor nicht einmal einem Jahr als neuer Chef angetreten, weckt die leise Hoffnung, dass ihm das Unmögliche doch noch gelingt. Sein Job wird aber nur unmöglicher, wenn eine weitere Bank dazukommt.

Denn ein solcher Zusammenschluss beschäftigt Unternehmen auf Jahre – allein wegen der Machtkämpfe, die zwangsläufig entstehen. Als sich die Deutsche einst mit der Dresdner Bank zusammenschließen wollte, nahm das bizarre Züge an. So sollte das Deutsche-Bank-Logo bleiben, die Farbe aber gewechselt werden, von Blau zu Grün, der Farbe der Dresdner Bank. Das war mächtigen Vorständen der Deutschen Bank zu viel. Sie monierten allen Ernstes, das Grün sei "nicht blau genug".

Dazu kommt noch ein grundsätzlicher Einwand, wieso ein solcher Deal nicht vom Finanzministerium eingefädelt werden sollte. Er passt nicht zu den Lehren aus der Finanzkrise. Damals erkannte man: Je größer eine Bank, desto enger sind Staat und Bank miteinander verknüpft, desto wahrscheinlicher wird es, dass der Staat die Bank beschützt, komme, was wolle. Wenn es in Deutschland nur noch eine große Privatbank gibt, hat sie eine Überlebensgarantie. Damit steigt die Gefahr, dass sie sich in viel zu riskante Geschäfte stürzt, und dann kommt der Steuerzahler dafür auf. "Too big to fail" nannte man das in der Finanzkrise. Hat ausgerechnet das Finanzministerium das vergessen? Das ist bitter.

Stattdessen schaut man nach China und Amerika und will auf deren Wirtschafts-Egoismen mit einer eigenen Industriepolitik reagieren. Doch einen Gegner schlägt man nicht unbedingt, indem man ihn imitiert. Eine Regierung, die glaubt, am besten zu wissen, wie die Bank, die Technologie, das Auto der Zukunft aussehen, überschätzt sich. Planwirtschaft macht Firmen wenig innovativ, weil sie es nicht sein müssen. Olaf Scholz könnte nachschlagen, was die Deutsche Bank selbst schreibt. "Die deutsche Industriepolitik fiel in den vergangenen Jahrzehnten zurückhaltend aus", erklärten die Volkswirte der Bank im Jahr 2017. "Dies hat sich bewährt."