Apokalypsen und Dystopien folgen im Allgemeinen einem von zwei Grundmustern: Sie sind entweder anarchisch oder totalitär. In den totalitären hat eine übergeordnete Instanz die Macht übernommen – der Große Bruder in George Orwells 1984, Henry Ford in Huxleys Schöner neuer Welt. Gegen sie kann man sich eine Revolte immerhin vorstellen. Bei der anarchischen Spielart ist alle gesellschaftliche und staatliche Ordnung zerfallen, und die wenigen noch übrigen Menschen in einem Zombiefilm oder in Stephen Kings The Stand hangeln sich als heroische Überlebenskünstler durch eine ruinenhafte Restwelt, im Bewusstsein, im absoluten Bruch der Historie zu agieren. Das ist zwar ein grauenhafter Zustand, aber auch einer, der seine schmeichelhafte Seite hat: So wie uns erging es noch niemandem, wir bezeugen Ungeheures. In den Grusel des Lesers mischt sich dabei ein wohliges Gefühl, denn er weiß: So weit sind wir noch längst nicht, es muss bis dahin noch etwas Außerordentliches passieren, eine Seuche, ein Atomkrieg, das Jüngste Gericht.

Der Roman Die Mauer von John Lanchester unterscheidet sich von beiden Typen, dem totalitären und dem anarchischen, darin, dass er dieses Moment des Bruchs nicht benötigt. Geradlinig und selbstverständlich denkt er stattdessen die gegenwärtigen Verhältnisse fort in eine nahe Zukunft. Der Leser spürt von der ersten Seite an: Falls nichts Außerordentliches passiert, wird es genau so kommen, wie Lanchester es entwirft. Alle Parameter sind da, alle erforderlichen Faktoren bereits heute aktiv und nehmen Fahrt auf. Ist nicht schon jetzt jedes neue Jahr das wärmste in der Geschichte der Aufzeichnungen? Und beweisen nicht die Boatpeople, die auch jetzt schon zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken, dass es viele, viele Leute gibt, die lieber sterben als im Elend verharren wollen?

Der Klimawandel, davon ist Lanchester überzeugt, wird, nachdem er lange schleichend vorangekommen ist, auf einmal den Punkt des radikalen Umschlags erreichen. Dann wird das Meer die tief gelegenen Küstenländer verschlingen, große Teile der Erde werden in gänzlicher Unbewohnbarkeit versinken. Die Wanderbewegung von Süden nach Norden, schon heute ein unkontrollierbarer Strom, wird zu einer Massenflucht anwachsen, die zu den Mitteln der verzweifelten Gewalt greift. Dagegen müssen die Zielländer sich mit härtester Konsequenz zur Wehr setzen, denn nunmehr geht es nicht um Xenophobie oder Multikulti, sondern um die nackte Existenz. Diese Konsequenz kann, wie man leicht begreift, in nichts anderem bestehen als in einer Mauer, die garantiert und zu 100 Prozent dicht hält. Eine solche Mauer stellt den Traum der Populisten, Nationalisten und Isolationisten überall auf der Welt dar; gerade in diesen Tagen legte Donald Trump die gesamte US-Verwaltung lahm, um vom Kongress seine Mauer zu erzwingen.

Was aber heißt es, wenn dieser Traum Wirklichkeit wird? Die Mauer, von der Lanchester schreibt, umschließt die gesamte Britische Insel und ist 10.000 Kilometer lang. Wie die Westgrenze der DDR (die der kosmopolitische Lanchester, 1956 geboren und in sieben Ländern aufgewachsen, im alten Berlin kennengelernt hat) saugt sie die Kräfte des Landes auf und bindet sie unproduktiv an der Peripherie. Ihre Besetzung und ihr Unterhalt fordern tagtäglich 200.000 Mann – wobei es keineswegs nur die Männer sind, die diese Aufgabe erledigen. Jeder und jede hat in der Jugend einen zweijährigen Wehrdienst auf der Mauer abzuleisten, einen harten, öden Job, der formt fürs ganze Leben. Erstes Opfer dieser Pflicht ist die Erotik; Männer und Frauen lassen sich in ihren Unisex-Klamotten kaum noch unterscheiden. Die Geschlechtergegensätze haben sich unter solchen Umständen erledigt wie ein Streit im Kinderzimmer. Obwohl "Fortpflanzler" (das Wort sagt alles) durch Vergünstigungen verlockt werden sollen, will kaum jemand mehr Kinder in die gründlich verpfuschte Welt setzen.

Erzählt wird das alles von Kavanagh (seinen Vornamen, Joseph, erfährt man spät und beiläufig – eventuelle Anklänge an Kafkas Josef K. behandelt Lanchester diskret), und zwar aus der Perspektive des Rekruten, der frisch den Dienst auf der Mauer antritt. Diese Erzählposition hat den Vorteil, dass sie das Eingeschliffene einer Normalität, die sich schon lang von selbst versteht, mit den Einpassungsschwierigkeiten des Neulings verbindet und so das Ungeheuerliche der Einrichtung, die doch keiner je in Zweifel zieht, dennoch spürbar macht. Grundsätzlich sagt Kavanagh "ich"; aber bevor dieses Pronomen seinen ersten Auftritt hat, vergehen ein paar Seiten. Bis dahin spricht er sich selbst in einem verallgemeinernden Du an, mit dem er seine Schutzlosigkeit panzert: "Du weißt, dass du zwei Jahre dort sein wirst. Du weißt, dass es im Wesentlichen überall gleich aussieht, jedenfalls geografisch, aber dass alles davon abhängt, wie die Leute sein werden, mit denen du zusammen in einer Einheit dienen wirst. Du weißt, dass du nichts daran ändern kannst." Sich panzern heißt sich bewahren, aber auch sich verlieren, denn der Preis der Selbstbehauptung besteht in der Erstarrung, die alles spontane Leben zum Erliegen bringt; das gilt für den Einzelnen so gut wie für die ganze Gesellschaft. Für diesen Zustand verwendet Lanchester eine knappe, sachliche Sprache. So finden Angst, Schmerz, Bitterkeit, Enttäuschung und Verrat ihren Ausdruck, so hart wie der Beton der Mauer.

Das England, von dem hier erzählt wird, hat sich nicht grundsätzlich, sondern bloß graduell verändert und weist eine unbehagliche Ähnlichkeit mit dem Land gleichen Namens auf, wie es heute existiert: mit seinem schlechten Wetter, seinem schlechten Essen, seinen Pubs und freudlosen Besäufnissen, der beklemmenden Enge der Einfamilienhäuser und einem politischen Leben, das so demokratisch verläuft, wie man es in einer scharf ausgeprägten Klassengesellschaft eben erwarten kann; nicht zuletzt mit der berühmten steifen Oberlippe wie im deutschen "Blitz" von 1940, aber ohne die Zuversicht, dass der Sieg dies alles beenden wird. Ein Sieg ist ausgeschlossen.