Aufstehen, Brexit ist fertig! – Seite 1

Der EU-Ausstieg bedroht die britischen Universitäten. Wie geht die internationalste Hochschule Englands damit um? Fragen an Alice Gast, die Präsidentin des Imperial College London

Auslandsstudium

DIE ZEIT: Das Imperial College London gehört zu den bedeutendsten Forschungseinrichtungen der Welt. Auch, weil die Uni international ist wie keine andere in England: Jeder vierte Angestellte und jeder fünfte Studierende kommt aus Kontinentaleuropa. Wie ist in diesen Tagen die Stimmung auf Ihrem Campus?

Alice Gast: Ich bin sehr alarmiert. Die Atmosphäre ist wegen des Brexits sehr angespannt. Ein No-Deal-Brexit würde bedeuten, dass unseren Universitäten eine schwierige Zeit bevorsteht.

ZEIT: Was ist Ihre Sorge?

Gast: Sofortige Konsequenzen betreffen Aufenthaltsfragen. Wissenschaftler und Studenten, die schon hier leben, dürfen bleiben – zumindest das hat die britische Regierung schon zugesichert. Es geht aber auch um die Langzeit-Effekte auf den Arbeitsmarkt, den Transfer von Talenten und die wissenschaftliche Zusammenarbeit. Wir wollen schließlich auch weiterhin attraktiv für internationale Top-Wissenschaftler und talentierten Nachwuchs bleiben. Wir tun unser Bestes, um einen sanften Übergang für unsere Studierenden und Mitarbeiter zu garantieren. Und natürlich haben wir die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es doch noch zu einer Einigung kommt.

ZEIT: Wie wollen Sie Ihre Mitarbeiter und Studierenden vor der ungewissen Zukunft schützen?

Gast: Um vorbereitet zu sein, haben wir an unserer Uni schon vor längerer Zeit ein Brexit-Team aufgestellt, das Lösungen für alle Szenarios entwickelt. Wir unterstützen unsere Lehrenden etwa dabei, sich um einen dauerhaften Aufenthaltsstatus zu bewerben. Bei uns sind bislang nur ganz wenige schon jetzt nach Kontinentaleuropa ausgewandert, teils aus familiären Gründen. An anderen Universitäten haben viel mehr Mitarbeiter diesen Schritt getan.

ZEIT: Die meisten Wissenschaftler in Großbritannien sind, wie Sie, sehr proeuropäisch eingestellt. Haben sich die Universitäten vor dem Referendum zu wenig engagiert?

Gast: Wissenschaftler tendieren dazu, sich nicht in der Politik einzubringen. Ich denke, das ist auch nicht unsere Rolle. Andererseits wäre es natürlich toll, wenn wir mehr Wissenschaftler in der Politik hätten. Sie wissen genau, wie die Forschungswelt funktioniert, und könnten daher unsere Interessen besser vertreten.

ZEIT: Sie haben einmal gesagt, dass das Referendum auch eine Chance sein könnte. Wie haben Sie das gemeint?

Gast: Der Brexit bietet die Möglichkeit, die Migrationspolitik des Vereinigten Königreichs insgesamt zu verbessern. Nach dem Brexit wird schließlich jeder als Ausländer angesehen werden, auch die Europäer. Ich trete für eine Visa-Politik ein, die Großbritannien zu einem attraktiven Standort für internationale Studierende und Talente macht. Unsere Visa müssten es Studierenden erlauben, auch über ihren Abschluss hinaus in Großbritannien zu bleiben, Firmen zu gründen oder Arbeitserfahrung zu sammeln. Auch eine Forscherin, die zum Beispiel ein wichtiges wissenschaftliches Stipendium einwirbt, sollte automatisch ein Visum erhalten. Der Brexit könnte eine Chance sein, diese Verfahren zu verbessern.

"Wissenschaftler sind die besten Diplomaten der Welt"

ZEIT: Das Imperial College London ist in ganz Europa der viertgrößte Empfänger von EU-Forschungsgeldern – 14 Prozent Ihres Budgets stammen aus Brüssel.

Gast: Diese Forschungsgelder sind extrem wichtig für uns, und natürlich brauchen wir sie.

ZEIT: Sind Sie deswegen gerade eine Partnerschaft mit der TU München eingegangen – um über diese Hintertür den Zugang zu EU-Geldern zu behalten?

Gast: Ganz egal wie der Brexit ausgeht: Wir werden von dieser Zusammenarbeit profitieren, weil wir in ähnlichen Fachbereichen stark sind – in den Naturwissenschaften, dem Ingenieurwesen, der Wirtschaft. Wir wollen künftig enger an den Schnittstellen zwischen künstlicher Intelligenz und Medizin zusammenarbeiten. Das ist uns immer wichtiger als irgendwelche Forschungsgelder von der EU.

ZEIT: Die Uni Oxford eröffnet gerade eine Art Filiale in Berlin, um nicht vom europäischen Forschungsraum abgeschnitten zu werden. Müssten das jetzt alle britischen Universitäten tun?

Gast: Wir haben derzeit keine Pläne, eine Filiale des Imperial College in München zu errichten. Es reicht uns, dass wir von unseren deutschen Kollegen sehr offen und hilfsbereit empfangen werden. Für mich sind die Menschen und die Zusammenarbeit viel wichtiger als irgendein physisches Gebäude.

ZEIT: Ist nicht Asien der interessantere Markt für Sie, auch um einen Rückgang europäischer Studierender zu kompensieren? Mit der Tsinghua-Universität in China arbeiten Sie bereits zusammen.

Gast: Der Bildungsstandard in Asien wird in der Tat immer besser, und die Auswahl an talentierten Kollegen erhöht sich für uns. Das begeistert mich natürlich, weil Wissenschaft davon lebt, nicht nur unterschiedliche Disziplinen, sondern auch Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammenzubringen. Deswegen stärken wir unsere Partnerschaften übrigens nicht nur in Europa, Amerika und Asien. Wir versuchen auch Wege zu finden, um besser mit Afrika zusammenzuarbeiten.

ZEIT: Sie selbst waren Postdoc in Paris, haben in Stanford und am MIT in Boston gelehrt. Welche Station hat Sie besonders geprägt?

Gast: Meine Zeit als Humboldt-Fellow in Deutschland! Sieben Monate habe ich in München verbracht. Sobald ich die deutschen Kollegen kennengelernt hatte, lief auch die Zusammenarbeit über die Entfernung viel besser. Es ist wie ein Zuhause weit weg von zu Hause. Die Aufenthalte im Ausland haben mein starkes Eintreten für internationale Wissenschaftsdiplomatie befördert.

ZEIT: In vielen Ländern gibt es derzeit nationalistische Bewegungen. Fürchten Sie, dass sich die Wissenschaft davon anstecken lässt?

Gast: Wissenschaftler sind die besten Diplomaten der Welt. Blickt man in die Geschichte, sieht man, dass ihnen selbst in konfliktreichen Zeiten Zusammenarbeit gelungen ist. Sie kommunizieren und kooperieren über politische Grenzen hinweg, seit je. Sie streben einfach danach, die Welt besser zu verstehen. Gerade wenn Regierungen in anderen Bereichen Konflikte austragen, sollten sie die wissenschaftlichen Kooperationen weiter ausbauen.