DIE ZEIT: Herr Wolffers, wenn man in den vergangenen Wochen Ihre Medienauftritte verfolgt hat, bekam man den Eindruck: Da hat einer die Nase gestrichen voll.

Felix Wolffers: Da ist was dran. Die Diskussion ist für mich einerseits eine große zeitliche Belastung: Die rechtsbürgerlichen Parteien fahren eine massive Kampagne gegen die Sozialhilfe. Andererseits ist es eine emotionale Belastung, weil die Diskussion faktenfrei und auf dem Buckel der sozial Schwächsten geführt wird. Etwa mit der durch nichts belegten Behauptung, mit 30 Prozent weniger Sozialhilfe könne man leben.

ZEIT: Ist es clever, gerade jetzt, wenn die Diskussion eskaliert, als Co-Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) abzutreten?

Wolffers: Es war immer geplant, dass ich nächstes Jahr zurücktrete.

ZEIT: Wer Ihnen nicht wohlgesinnt ist, könnte sagen: Typisch Linker! Wenn es heiß wird, verdrückt er sich.

Wolffers: Ich leite das Berner Sozialamt in einem 100-Prozent-Pensum. Wenn da noch 10, 15 Prozent dazukommen für die Skos-Leitung, ist das machbar. Aber wenn die Arbeitsbelastung nicht mehr zu handhaben ist, dann muss man die Konsequenzen ziehen.

ZEIT: Die Forderung, wie sie die SVP in mehreren Kantonen stellt, man solle beim Grundbedarf der Sozialhilfe bis zu 30 Prozent sparen, hat Sie sichtlich verärgert.

Wolffers: Es gibt keine einzige Studie, die zeigt, was es heißt, wenn man den Grundbedarf – also das Geld, mit dem ein Sozialhilfebezüger, abgesehen von Wohnung und Krankenkasse, seinen Lebensunterhalt bestreiten muss – um 30 Prozent kürzen würde.

ZEIT: Wie hoch ist dieser Betrag zurzeit?

Wolffers: Monatlich 986 Franken für eine Einzelperson oder 1834 Franken für eine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern.

ZEIT: Wieso verfangen solche Forderungen?

Wolffers: Vermutlich weil die Diskussion sehr emotional geführt wird und das Vorurteil bedient, dass die unterstützten Personen nicht arbeiten wollen. Die Skos wird weitgehend allein gelassen in dieser Diskussion. Und die Sozialdirektorenkonferenz, die eigentliche Hüterorganisation der Richtlinien, hat keine Mittel, diese durchzusetzen. Jeder Kanton kann am Ende tun und lassen, was er will.

ZEIT: Sie fühlen sich im Stich gelassen.

Wolffers: Vor allem die Mitteparteien halten sich vornehm zurück, und die FDP stimmte in den Kantonen Aargau und Baselland sogar radikalen Kürzungsvorschlägen zu.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Wolffers: Der SVP ist es mit ihrer heftigen Kampagne gelungen, die Sozialhilfe schlechtzureden. Dabei wurde gezielt die Ausländerfrage bewirtschaftet. Wir sehen einen ähnlichen Effekt wie in der Asyldebatte: Die FDP fühlt sich verpflichtet, mitzuziehen. Kommt hinzu, dass es keine zivilgesellschaftliche Gegenbewegung gibt.

ZEIT: An wen denken Sie da?

Wolffers: An die Operation Libero zum Beispiel, zu der wir den Kontakt suchten. Aber die sozial Schwächsten sind für Parteien und politische Bewegungen uninteressant. Viele Bedürftige sind nicht stimmberechtigt ...

ZEIT: ... weil sie Ausländer sind ...

Wolffers: ... oder Kinder. Ein Drittel aller Sozialhilfeempfänger ist minderjährig.

ZEIT: Die CVP müsste sich mit ihrer christlichen Orientierung doch um diese Kinder kümmern wollen.

Wolffers: Die CVP habe ich in dieser Diskussion nicht als sozial verantwortungsvolle Partei wahrgenommen.

ZEIT: Was wollen die bürgerlichen Parteien mit solchen Kürzungen erreichen?

Wolffers: Ich weiß es nicht.

ZEIT: Was vermuten Sie?

Wolffers: Dass es ein Mix ist: Die Gemeinden klagen zu Recht darüber, dass ihre Sozialhilfeausgaben steigen. Ein, zwei Flüchtlingsfamilien mit ein paar Kindern können kleine Gemeinden finanziell sehr belasten. Vielleicht braucht ein Kind eine Fremdplatzierung, dann kostet allein diese bis zu 100.000 Franken pro Jahr. Es ist klar, dass das zu lokalpolitischen Verwerfungen führen kann. Doch niemand fragt sich, wie man das Problem lösen könnte.

ZEIT: Wie könnte man es lösen?

Wolffers: Vor allem mit einer gerechten Verteilung der Kosten.

ZEIT: Sie fordern deshalb ein Bundesgesetz für Sozialhilfe.

Wolffers: Der Bund müsste sich bei der Finanzierung stärker engagieren, den Vollzug kann man bei den Gemeinden lassen. In den Kantonen Bern, Freiburg, Jura zum Beispiel funktioniert die Verteilung der Lasten hervorragend. Vor allem in der Zentral- und Ostschweiz gibt es nur einen bescheidenen Lastenausgleich.