Am Donnerstag, wenn diese ZEIT-Ausgabe am Kiosk liegt, könnte der Potsdamer Landtag Geschichte schreiben. Als erstes deutsches Bundesland wird Brandenburg, falls nicht noch ein Meteorit einschlägt, mit der rot-roten Regierungsmehrheit und den Stimmen der Grünen ein Gesetz mit dem eleganten französischen Titel "Parité" verabschieden. Parité: Gleichbeteiligung. Es soll Frauen "den Weg in die Politik" ebnen und ihnen in den Parlamenten den Platz schaffen, der ihrem Bevölkerungsanteil von 50 Prozent entspricht. In den meisten Landtagen und im Bundestag liegt der Frauenanteil deutlich unter der Hälfte, nämlich bei einem knappen Drittel – so wie im Sudan. In den Kommunalparlamenten sieht es noch finsterer aus. In etlichen Gemeinderäten sitzt überhaupt keine Frau. Und nicht nur die Brandenburger Landesregierung findet: So kann es nicht weitergehen.

Ein Hauch von Aufbruch liegt in der Luft. Das Jahr begann mit Feierstunden zum hundertsten Geburtstag des Frauenwahlrechts, bei denen Rednerinnen an ihre Großmütter erinnerten, die davon noch ausgeschlossen waren. Bilder von wehenden Fahnen und wallenden Röcken des Sommers 1919 beflügeln die Stimmung. Das Land Berlin, sonst nicht dafür bekannt, Dinge zu überstürzen, führt zum 8. März einen Frauenfeiertag ein. Mitte Januar hatte die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung zu einer Debatte über das Thema Frauenpolitik eingeladen und mit 150 Teilnehmerinnen gerechnet – es meldeten sich tausend. Man war gezwungen, ins Berliner Hotel Esplanade umzuziehen. Frauen über Frauen füllten die Säle, etliche wollten ein Selfie mit der sehr vergnügten Alice Schwarzer. Grüne waren da, SPD-Genossinnen, Parteilose, Ost und West, die BVG-Chefin Sigrid Nikutta scherzte mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Und die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer bezeichnete sich stolz als "eine Quotenfrau". So ging es bis Mitternacht.

Etwas Neues ist fällig, ein großer Schritt – so fühlt es sich in den Gesprächen an. "Parität scheint mir logisch", sagte die Kanzlerin vergangene Woche im ZEIT-Gespräch. Liberté, Egalité, Parité – die Anklänge an die Französische Revolution sind kein Zufall. Es soll nicht um ein "Frauenthema" gehen, sondern ums Ganze. "Ich spreche nicht von Quote", sagt die 53-jährige Juristin Silke Laskowski, Professorin für Öffentliches Recht in Kassel und so etwas wie das Mastermind hinter der Parité-Initiative: "Ich spreche von Demokratie." Wenn die Hälfte der Bevölkerung durch männerdominierte Strukturen – sie meint damit Listenplatzhirsche, Hinterzimmer, Sitzungen bis in die Puppen, in denen alles von jedem mindestens einmal gesagt werden muss – quasi ausgeschlossen werde, dann hätten alle ein Problem, nicht nur die Frauen.

Ginge es nach Laskowski, müsste ein Parité-Gesetz zweierlei beinhalten.

Erstens dürften die Parteien nur noch Listen aufstellen, die Männer und Frauen im Reißverschlussverfahren berücksichtigen. Das ist die milde Sorte Parité. Mit dieser Variante werden die Brandenburger nun Pioniere. Grüne und Linke haben schon lange paritätisch besetzte Listen, neuerdings hat sie sogar die CDU in Sachsen – aber eben freiwillig. Künftig gäbe es in Brandenburg Zwang: Listen, die nicht quotiert sind, werden nicht mehr zugelassen.

Das Problem der milden Sorte besteht darin, dass die Listen gerade bei den großen Parteien nicht ziehen. Die Union beispielsweise generiert ihre Bundestagsmandate zum größten Teil über Direktmandate. Der Einzug von Direktkandidaten ist sicher, der über die Liste ein Risiko. Frauen werden statistisch deutlich seltener für ein Direktmandat nominiert als Männer, bewerben sich allerdings auch deutlich seltener. Es gilt: Je mehr Direktmandate eine Partei im Bundestag hat, desto weniger Frauen sind in ihrer Fraktion. Die Frauenquote im Bundestag wird zudem von FDP und AfD, neuerdings auch von der Union, mit ihren auffällig niedrigen Frauenanteilen gedrückt: von 37 Prozent bei den Wahlen 2009 auf aktuell nur 31 Prozent.

Zweitens wünschen sich die Parité-Vorkämpferinnen das Tandem in den Wahlkreisen. Die radikale Sorte Parité – die, bei der es verfassungsmäßig ans Eingemachte geht und bei der Unionsmänner hinter Frau Kramp-Karrenbauer nervös werden – betrifft die Direktmandate. Laskowski und ihre Mitstreiterinnen – darunter viele Juristinnen sowie Frauen von Union, SPD, Grünen und Linken – wollen, dass künftig die Parteien für jeden Wahlkreis ein Duo aufstellen, ein Tandem aus Mann und Frau. Wähler würden dann automatisch beide wählen. In manchen Modellen bekämen Wähler und Wählerinnen zwei Erststimmen, von denen sie mit einer eine Frau wählen müssten; in anderen bleibt es bei einer Stimme, mit der man dann eben das Duo aus einer Partei wählt. Diese Forderung hatten die Brandenburger Grünen zunächst in dem vor allem von der Juristin Laskowski formulierten Antrag aufgestellt. Die brandenburgische Landes-SPD wollte so radikal dann aber auch wieder nicht sein.

Die verfassungsrechtlichen Bedenken gegen ein Parité-Gesetz sind Legion. Der Zwang, Frauen zu wählen – der ist auch vielen Feministinnen nicht ganz geheuer.

Hinzu kommt die Frage, ob es die Benachteiligung von Frauen, auf die Juristinnen wie Silke Laskowski abzielen, wirklich gibt. Das hängt von der Vergleichsgröße ab: Schaut man auf die Gesamtbevölkerung, sind die Frauen in den Parlamenten deutlich unterrepräsentiert. Nimmt man aber den Frauenanteil in den meisten Parteien zum Maßstab, deckt der sich annähernd mit dem Anteil weiblicher Abgeordneter. Anders gesagt: Frauen wählen seltener, organisieren sich weniger in Parteien und kandidieren seltener als Männer. Aber warum?