Im hinteren Raum des Cafés Einstein Unter den Linden. Mit ihm wollte man mal reden, weil er so etwas Interessantes wie ein selbstbewusster Sozialdemokrat ist. In Bremen geboren, sitzt Johannes Kahrs, 55, seit 1998 als Direktkandidat des Wahlkreises Hamburg-Mitte im Bundestag. Er findet das Schimpfen, das Herbert-Wehner-artige Poltern und Klare-Kante-Zeigen gut – für Furore und für Kopfschütteln sorgte seine Attacke gegen die AfD im Bundestag: "Hass macht hässlich, schauen Sie mal in den Spiegel." In Zeiten der Volldepression der SPD (14 Prozent in den Umfragen) ist Kahrs’ Markenzeichen das Prinzip "Angriff / Wir stellen den nächsten Bundeskanzler". Dem konservativen Seeheimer Kreis vorstehen und sich als bekennender Homosexueller für Lesben und Schwule einsetzen, das ist 2019 auch kein Widerspruch mehr. Ein bisschen hat man bei ihm, dem jovialen "Moin"-Twitterer, immer Angst, dass er nur korrekte Sätze raushämmert, die einem aber trotzdem egal sind.

Das Wiener Frühstück, bitte (Eier im Glas). Kann er einmal Herkunft und Bedeutung seines Lieblingsschimpfwortes "Vollpfosten" erklären? Der SPD-Politiker weist darauf hin, dass er Oberst der Reserve der deutschen Panzergrenadiertruppe sei. Bei der Grundausbildung in der Lützow-Kaserne in Schwanewede sei "Vollpfosten" der Lieblingsausdruck seines Kompaniefeldwebels gewesen.

Seit Jahren sitzt Kahrs im Haushaltsausschuss, er setzt die unangenehmen Dinge durch, gilt als extrem gut vernetzter und versierter Finanzpolitiker. Wofür hat er zuletzt so einen richtig schönen Batzen Geld klargemacht? Und, große Frage: Wie organisiert man Geld?

Johannes Kahrs’ Gesicht macht Kaubewegungen. Die Diktion der Fragen empfindet er offenkundig als unpassend. Wenn Familienministerin Franziska Giffey beispielsweise mehr Geld haben wolle für die bessere Bezahlung von Kita-Personal an Randzeiten, dann setze er sich mit den Familienpolitikern der Fraktion zusammen. Im Haushaltsausschuss müsse man darauf vertrauen können, dass ein Wort ein Wort ist. Lustig, wenn er lächelt, blitzt beim Politiker Kahrs ein irgendwie clever wirkender, schief sitzender Schneidezahn hervor: "Sie brauchen Handschlag-Qualität, Sie müssen geschäftsfähig sein."

Das Riesenthema Europawahl und die Frage, warum die angebliche Schicksalswahl im Mai vielen so merkwürdig gleichgültig ist: Ihm bleibt da auch nicht viel mehr, als die einmal als richtig erkannten Formeln immer wieder aufzusagen ("Europa ist die Lösung", "Gegen Trump, Putin und Erdoğan kommen wir nur gemeinsam an"). Man muss diesem Politiker glauben, dass er seine Wähler wirklich kennenlernen und verstehen will: Die Mobilnummer von Johannes Kahrs steht im Internet, jedes Jahr tritt er zu rund achtzig Tagesausflügen mit Hamburger Bürgern nach Berlin an (Reichstagsführung).

Ist er auch so ein Fan von Annegret Kramp-Karrenbauer, die jetzt alle so toll finden? Scharf formulierender SPD-Mann: Von der CDU-Vorsitzenden gebe es leider einige in höchstem Maße unglückliche Äußerungen, mit denen sie wohl den Vorwurf entkräften wolle, zu links zu sein. "Jemand, der Lesben und Schwule mit Päderasten vergleicht, der ist bei mir politisch aus dem Rennen."

Und in welche Partei tritt er nun ein, wenn es mit der SPD, so gegen 2022, ganz vorbei ist? Hahaha. Ja, alles so mittellustig. Wir ziehen die Mäntel an – manchmal liegt im trotzigen Optimismus und im tausendfach aufgesagten Fertigtext doch eine Würde: Die SPD sei bald 156 Jahre alt, man sei noch immer die mitgliederstärkste Partei Europas. Wenn Merkel nicht mehr antrete, würden die Karten neu gemischt: "Ich bin da ganz zuversichtlich." Nee. Ist klar.