Als der Spiegel in der vergangenen Woche erstmals detailliert offenlegte, was an 28 Texten des Claas Relotius stimmte und was nicht (weitere Texte werden noch geprüft), war auch das eine verblüffende Erkenntnis: wie unnötig all das Fälschen und Hinzudichten offensichtlich gewesen ist. Denn die Themen, zu denen Relotius recherchierte, die Orte und Menschen, die er aufsuchte, sie waren meist so gut gewählt, dass er auch ohne Blendwerk gute Texte hätte schreiben können.

Ein Vater sucht seinen Sohn, verschollen bei einer Wanderung in einer kalifornischen Wüste. Fast drei Monate lang durchstreift der Vater an jedem Wochenende den Nationalpark, immer unterwegs mit ortskundigen Helfern. Die Geschichte stimmt. Vielleicht war sie Relotius nicht dramatisch genug. Bei ihm sucht der Vater allein, 80 Tage lang, und damit er sich nicht verläuft, "markiert er den Weg mit roten Bändern, die er nach jedem Kilometer an einen Kaktus knotet". Das mag ein ergreifendes Bild sein. Aber es ist falsch, eine Erfindung. Nur eine winzige, unbedeutende Fälschung, aber symptomatisch für sein Vorgehen.

Warum? Hielt der 33-Jährige die Fakten, so wie er sie recherchiert hatte, nicht für lesenswert genug? Offenbar. Ein, zwei Geschichten hat er weitgehend erfunden, alle anderen Fälschungen sind Ausschmückungen, mal sind es rote Bänder, mal Zitate, Geschehnisse oder gleich ganze Menschen, die hinzugedichtet werden und alle den gleichen Zweck erfüllen sollen: die Figuren stimmiger zu machen oder die Kontraste greller, die Geschichte dramatischer.

Als Leiter einer Journalistenschule beschäftigt mich das individuelle Versagen eines Kollegen, der den falschen Beruf gewählt hat, nur in Maßen. Relevanter sind für mich grundsätzliche Fragen, etwa nach einer redaktionellen Kultur, die Drama und Zuspitzung schätzt, gerade beim Geschichtenerzählen, und die deshalb, möglicherweise, selbst schuld ist an solchen Auswüchsen. Ist es also ein systemisches Versagen? Müssen wir bestimmte Formate überdenken? Und was wird dazu eigentlich an den Journalistenschulen gelehrt?

Auf solche Fragen hat es in den vergangenen Wochen schmissige Antworten gegeben. Viele Kolleginnen und Kollegen haben dabei vor allem die Reportage ins Visier genommen: Dieses Erzählformat simplifiziere die Welt, es beleuchte nur Einzelschicksale, nicht Strukturen, es konzentriere sich auf das, was ins Bild zu passen scheine. Und die Reporter selber? Sie sind zu einer journalistischen Spezies erklärt worden, die es mit der Wahrheit nicht übertrieben genau nimmt. Der das Schönschreiben mehr am Herzen liegt als die oft struppige Wirklichkeit. Schon an den Journalistenschulen werde in Reportage-Kursen gelehrt, wegzulassen, was nicht ins Erzählmuster passe.

Richtig ist: Wir an der Henri-Nannen-Schule lieben Schönschreiber. Wir mögen an der Reportage, dass sie Einzelschicksale beleuchtet. Und natürlich lehren wir, dass nicht jede Information in den Text gehört, manchmal ist sie einfach nur Ballast. Journalismus bedeutet Auswahl, zwangsläufig, in der Nachricht ebenso wie in der Reportage.

Das lässt sich alles leicht missverstehen. Deshalb: Schön geschrieben ist nach unserem Verständnis ein journalistischer Text dann, wenn er auch komplexe Zusammenhänge in präziser, eleganter, verständlicher Sprache zu erklären vermag. Dies gilt für jedes journalistische Format. Und selbst die aktuellen Verächter des Schönschreibens geben sich ja Mühe bei Wortwahl und Dramaturgie.

Schreiben ist kondensiertes Denken. Unsere ständigen Schreibübungen an der Journalistenschule sind daher in Wahrheit Denkübungen. Es braucht Klarheit im Kopf, um ein Thema auf seine relevanten Aspekte verdichten zu können. Um die immer gleichen Fragen beantworten zu können: Was ist wichtig, was ist wahr, was ist interessant, und wie baue ich aus alldem einen Text, bei dem niemand vorzeitig aussteigt? Wer schön schreiben will, muss vorher schön gedacht haben.