War es Zufall oder von langer Hand geplant? Noch sitzt Juan Guaidó nicht im Regierungspalast von Caracas. Aber der Aufstieg eines 35-Jährigen aus dem Nichts zum Umstürzler und möglichen Präsidenten von Venezuela ist mehr als erstaunlich: Erst wurde der weithin unbekannte Abgeordnete Anfang Januar als Parlamentschef vereidigt. Dann führte der politisch eher stramm rechte Guaidó in Windeseile die heillos zerstrittenen Oppositionsparteien zusammen. Nicht nur das ihn stützende bürgerliche Lager, sondern auch Linke und Kommunisten, die sich seit Langem auf kein gemeinsames Vorgehen mehr einigen konnten, bilden eine gemeinsame Front gegen die Regierung des seit 2013 amtierenden Präsidenten Nicolás Maduro. Zumindest für eine gewisse Zeit.

Und schließlich bringt Guaidó seit Wochen immer wieder Zehntausende Venezolaner auf die Straße, um den Sturz Maduros zu fordern. Auch das war und ist kein leichtes Unterfangen. Denn die Leute demonstrieren seit vielen Jahren und sind inzwischen zermürbt und eingeschüchtert von den brutalen Übergriffen der Polizei, den politischen Morden, Verschleppungen und Folterberichten aus den Gefängnissen.

Damit nicht genug: Als vorläufig letzten Akt erklärte sich Guaidó am Mittwoch vergangener Woche – mithilfe einer weiten Auslegung der venezolanischen Verfassung – auch noch selbst zum Präsidenten.

Unverzüglich gingen bei ihm Glückwunschtelegramme ein, und er wurde von den Vereinigten Staaten, Brasilien, Kolumbien, Argentinien, Kanada und weiteren Ländern prompt als neuer Präsident anerkannt. Auch Deutschland und die EU signalisierten Zustimmung, forderten aber zugleich Neuwahlen.

Donald Trump wünscht schon lange die Absetzung von Amtsinhaber Maduro

Seit Tagen sickern Details durch, die dafür sprechen, dass der Versuch eines Machtwechsels keine spontane Aktion ist, sondern langfristig geplant wurde – nicht nur in Venezuela, sondern auch im Ausland. Einige Beispiele: Der große Nachbar Brasilien und sein rechtsextremer Präsident Jair Bolsonaro prahlen mit "Erkenntnissen unserer Geheimdienste". In der Hauptstadt Brasília war man offenbar schon vor einiger Zeit zu dem Schluss gelangt, dass der Zeitpunkt für eine Ablösung Maduros günstig sei.

Die brasilianische Zeitung Estadão berichtete unter Berufung auf hohe Kreise in Politik und Armee von geheimen Absprachen über die Anerkennung einer Interimsregierung unter Juan Guaidó. Strippenzieher sollen Bolsonaro und Argentiniens Präsident Mauricio Macri gewesen sein. Aber auch andere Regierungschefs haben in den vergangenen Wochen über den "Problemfall" Venezuela beraten und vor einer Ausbreitung der Unruhen auf die gesamte Region gewarnt.

Wie in alten Zeiten mischten auch die Vereinigen Staaten wieder mit. So zeigte US-Präsident Donald Trump schon gleich nach seinem Amtsantritt ein ungewöhnlich starkes Interesse an einem Machtwechsel in Caracas und erklärte 2017 auf einem Golfplatz in New Jersey, dass er eine "militärische Option" nicht ausschließen wolle. Unter Berufung auf Diplomatenkreise berichtete die Nachrichtenagentur AP von "wochenlanger Geheimdiplomatie" und einer abenteuerlichen Auslandsreise Guaidós. Der mögliche Präsident in spe flog offenbar vergangenen Dezember inkognito nach Washington, Kolumbien und Brasilien und soll Venezuela dabei über die grüne Grenze verlassen haben, um so dem Geheimdienst zu entgehen.