Fremd- und Selbstbilder entsprechen selten der Wirklichkeit. Das betrifft auch die Wirklichkeit von Juden, Judentum und Israel.

Ein Beispiel: Von den amerikanischen Juden wird hierzulande gern folgendes Bild gezeichnet: Sie seien ein in sich geschlossener, mächtiger, rechter proisraelischer Block, Anti-Obama, Pro-Trump und natürlich ausnahmslos Republikaner. Zwar ist Trumps jüdischer Schwiegersohn Jared Kushner ebenso wie der jüdische Kasino-Tycoon Sheldon Adelson für Trump. Genauso vehement gegen Trump sind aber der jüdische Medienunternehmer Haim Saban und die etwa 80 Prozent der amerikanischen Juden, die traditionell die Demokratische Partei wählen.

Welches Bild von den US-Juden, von den Juden überhaupt stimmt? Zerr- und Idealbilder von dem, was jüdisch sei, gibt es zuhauf. Die Zerrbilder sind so judenverachtend wie eh und je, die heutigen Idealbilder aber enttäuschen, weil der Realzustand nie dem Ideal gleichkommen kann – und durch Enttäuschung Hass provoziert.

Das einzig richtige Bild eines Menschen gibt es nicht, und noch weniger gibt es dies von Kollektiven. Jedes Bild, das wir uns von jemandem machen, auch von uns selbst, bleibt entweder Idealbild oder Zerrbild. Dem Realbild können wir uns bestenfalls annähern. Was folgt daraus?

"Du sollst dir kein Bildnis machen", lautet das zweite der Zehn Gebote. Vom Religiösen ins Weltlich-Politische übertragen, kann man dieses Gebot als Empfehlung auch für den Umgang mit Juden, Judentum und Israel verstehen.

Noch ein Beispiel: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gilt besonders in Deutschland als knallharter Rechter und Kriegstreiber, der gnadenlos gegen die Palästinenser und für die jüdische Besiedelung des Westjordanlandes eintritt. Rechte in Israel jedoch, wie der zurückgetretene Verteidigungsminister Avigdor Lieberman oder der Bildungsminister Naftali Bennett, werfen Netanjahu vor, in der Palästinenser- und Siedlungspolitik "viel zu weich" zu sein. Was stimmt?

Ein Merkmal der Zerrbilder von Juden oder von Israel ist das Übertriebene, Alarmistische, Disproportionale. Es zeigt sich in alten und neuen Schlagworten wie "jüdische Weltmacht", "Weltverschwörung" und "israelischer Staatsterror".

Doch solche Verzerrungen sind kein Privileg von Nichtjuden. Vor allem nichtreligiöse Juden in Israel wie in der Diaspora missverstehen seit je das religiöse Wort vom "auserwählten Volk" als Würdigung ihrer persönlichen Fähigkeiten, ja als Aufwertung ihrer selbst. Dieses Verständnis von Auserwähltheit als individuelle oder kollektive Selbstkrönung ist theologisch vollkommen absurd. Tatsächlich meint der Begriff aus dem Tanach, also jenen heiligen Schriften des Judentums, die die Christen als Altes Testament bezeichnen, die Pflicht zum Dienst an Gott. Auserwählt zu sein ist also mehr Last als Lust.

Woher nun rühren die Zerrbilder von Juden? Woher die Übertreibungen der Gegenwart? Sie haben drei Urgründe, zwei davon religiös, einer machtpolitisch.

Erstens: Solange Christen noch wortgläubige Christen und Muslime wortgläubige Muslime sind, gibt es kaum eine andere Seinsrechtfertigung für die eigene, jüngere Religion als eine Abgrenzung gegen die ältere monotheistische Religion der Juden. Diese Abgrenzung zeigte sich stets auch als Diskriminierung. Zwar war die kollektive Judenvernichtung, die sogenannte Endlösung, erst eine "Errungenschaft" der religionsfernen, verweltlichten Moderne – und ihrer Form nach eine deutsche Erfindung. Der sechsmillionenfache Tod war "ein Meister aus Deutschland", aber er fand fast überall willige Gesellen. Worauf es heute ankommt, ist, dass nach der weltlichen Judenvernichtung kaum ein Teil der Welt noch entspannt bleiben kann gegenüber Juden. Und gegenüber Israel, dem jüdischen Staat, fällt Gelassenheit ebenfalls schwer, denn Nahost ist ein weltpolitisches wie weltwirtschaftliches Pulverfass.

Zweitens: Historisch betrachtet sind die Zerrbilder von Juden keine christliche, muslimische oder gar deutsche Erfindung. Der Judaist Peter Schäfer führt, überzeugend belegt, die Anfänge des Antisemitismus bis ins alte Ägypten zurück. Schon im 2. Jahrhundert vor Christus beschrieb Tacitus die Juden als Seuchenüberträger, die ebendarum aus Ägypten vertrieben worden seien. Solche Schmähungen setzen sich in den heiligen Schriften der Christen und Muslime fort. "Ihr habt den Teufel zum Vater", schleudert Jesus im Johannes-Evangelium den Juden entgegen. Im Koran werden sie mehrfach als Affen und Schweine bezeichnet. Das Schweine-Motiv übernahm die katholische Kirche nach dem Laterankonzil von 1215 im Bild der "Judensau", und die Protestanten tradierten es als vulgärste antisemitische – ja: Schweinerei. Man stellte jüdische Männer dar, die Obszönes mit dem Tier trieben, und meinte damit: Das Schweine-Tabu der Juden wäre Heuchelei, die Juden selbst wäre Schweine. Noch heute sieht man an deutschen Kirchen Darstellungen der "Judensau", so in Wittenberg an der Predigtkirche Martin Luthers, der für die Metapher geradezu schwärmte. Von dieser "Judensau" war es nicht weit zu den Bildern im NS-Hetzblatt Stürmer.

Nicht so bekannt ist: Selbst im Alten Testament findet man Zerrbilder von den Juden. Wenig zimperlich waren dabei die Propheten, etwa Hosea, der sie wegen ihrer Untreue zum Einen Gott als Prostituierte beschimpfte.

Worin aber unterscheiden sich jüdische von nichtjüdischen Zerrbildern über Juden? Die jüdischen sind Aufforderungen zur Umkehr, die nichtjüdischen zur Diskriminierung oder gar Liquidierung. Nichtjüdische Zerrbilder bedienen sich dabei auch des Mittels der Dämonisierung. Bis heute zeichnen sie die Juden, nur 0,2 Prozent der Menschheit, als Menschheitsgefahr, die einer (End-)Lösung bedarf. Unerheblich ist dabei, dass jüdische Minderheiten der jeweiligen Mehrheit stets nur genützt und nie Terror ausgeübt haben, während Judenvertreibung oder -vernichtung immer auch den Tätern selbst massiv schadeten.