DIE ZEIT:Juliette Binoche, Sie sind nicht nur Schauspielerin, sondern auch Tänzerin und Malerin. Seit vielen Jahren zeichnen Sie Porträts Ihrer Regisseure. Was bringt Sie dazu?

Juliette Binoche: Ich will mir ein Bild machen.

ZEIT: Auf Ihrem Bild von Michael Haneke sieht man seine Augen nicht wirklich. Die Pupillen sehen aus wie schwarze Löcher, trotzdem hat man das Gefühl, dass er die Betrachterin fixiert.

Binoche: Als wir vor fast zwanzig Jahren den Film Code inconnu drehten, hatte ich während der Dreharbeiten das Gefühl, dass Haneke mich scannt. Er sah genau, was in mir vorging, all die kleinen Details, die physischen und psychischen Veränderungen, Stimmungswechsel. Es war so, wie wenn man bei einer Maschine irgendwelche Temperatur-, Druck- oder Volumenanzeigen betrachtet. Das Porträt entstand nach den Dreharbeiten aus der Erinnerung.

ZEIT: Womit beginnen Sie Ihre Porträts?

Binoche: Immer mit den Augen. Über die Augen nimmt man eine Verbindung auf. Als Sie eben in mein Wohnzimmer kamen, war es der Kontakt unserer Augen, der darüber entschied, ob wir hier wirklich zusammen sind oder nicht.

ZEIT: Wie wichtig ist der Blickkontakt mit den Regisseuren?

Binoche: Wichtiger als die Sprache. Eigentlich sprechen Regisseure und Schauspieler gar nicht so viel miteinander.

ZEIT: War Ihnen während der Dreharbeiten von Code inconnu klar, wie visionär der Film ist? Er zeigt vieles, worüber wir heute erst richtig diskutieren: Die Abschottung der liberalen Mittelklasse, die Scheinheiligkeit des Engagements.

Binoche: Was bestimmt unsere Identität? Wie spiegeln sich die Schuld und die Verantwortung einer Gesellschaft in ihrem Alltag? Code inconnu ist eine Zustandsbeschreibung, ohne Vorurteile, ohne Optimismus oder Pessimismus. In dem Film gibt es eine Szene, in der ich am Bügelbrett stehe. Plötzlich schreit in der Nachbarwohnung ein Kind auf sehr beunruhigende Weise. Aber ich schaue nicht nach.

ZEIT: Was war für Sie der Kern dieser Szene?

Binoche: Ich gebe zu, dass ich zunächst einmal mit der Frage beschäftigt war, ob man meinen Bauch sieht. Während der Dreharbeiten war ich im fünften Monat schwanger. Und der Kern der Szene ist Feigheit. Letztlich hat Code inconnu das Zeitalter der Feigheit vorweggenommen.

ZEIT: Sie haben auch ein Porträt des Regisseurs gezeichnet, der Ihnen Ihre erste Rolle gab: Jean-Luc Godard. Er wirkt introvertiert.

Binoche: Introvertiert ist das Mindeste, was man über ihn sagen kann. Godard war sehr grummelig, er sprach kaum mit mir.

ZEIT: In seinem Film Maria und Joseph haben Sie rote Wangen. Vor Aufregung?

Binoche: Ja, schrecklich.

ZEIT: Das wirkt doch anrührend.

Binoche: Godard wollte um keinen Preis, dass wir Make-up benutzen. Er war schon sehr ehrfurchtgebietend für eine junge Schauspielerin. Heute sehe ich, dass die roten Wangen süß aussehen. Das ist wohl eine Definition von Reife: Man fängt an zu lieben, was man einmal hasste.