Es war Mittwochnachmittag in einer Gegend mit inzwischen unbezahlbaren Mieten, und die als besonders geil geltende Kita (Waldorf, Naturerfahrung, Bindungsarbeit) hatte Tag der offenen Tür. Unter 9.300 Bewerbern waren fünf ausgewählt und zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden für einen der zwei freien Plätze. Die Finalisten-Elternteile (vier Frauen und ein Mann) hatten gerade auf dem Boden des Spielzeugfreie-Zeit-Raumes Platz genommen, und die Challenge war, bei den beiden anwesenden Erzieherinnen einen guten Eindruck zu hinterlassen und es also irgendwie zu schaffen, zur Kenntnis genommen zu werden. Noch gab es keine Unregelmäßigkeiten, die vier Frauen und der Mann saßen lächelnd im Schneidersitz auf dem Boden und verlagerten ihr Gewicht von einem Sitzknochen auf den anderen. Erzieherin Susanne ("Ich bin die Susi") erzählte, dass alle bitte gleich dieses (sie hielt vier Papierseiten in die Luft) Kennenlern-Formular ausfüllen sollten, weil "man" jetzt halt einfach gucken müsse, ob die Erziehungsvorstellungen der Eltern zur Kita passten, das sei ganz wichtig für die Gruppe.

Finalistin 1 – Psychotherapeutin, kein guter Tag heute, sie hatte sich beim Sonnengruß irgendwas gezerrt – nickte freundlich lächelnd und schaute redlich aus sich heraus. Finalistin 1 fand Susi in diesem Augenblick allerdings völlig zum Kotzen, weil Susi viel zu selten sie, also Finalistin 1 anguckte, aber dafür immerzu den einzigen Mann in der Runde. Finalistin 1 wollte Susi gerne ins Ohr schreien, ob ihr eigentlich klar sei, dass die Machtverhältnisse gerade komplett verkehrt waren, denn eigentlich waren es doch die Mütter und nicht die Männer, die in Kita-Fragen das Sagen hatten. Außerdem fand Finalistin 1, dass sie viel mehr Kapital auf ihrer Seite hatte (kulturelles, soziales, finanzielles) als Susi, die sie unter realistischen Umständen nicht einmal mit dem Arsch angucken würde. Aber das verstand diese Erzieher-Susi natürlich nicht, das heißt, vielleicht verstand sie es doch irgendwo in den Tiefen ihres Susi-Kopfes, wie Finalistin 1 dachte, das zumindest legte die Art, wie sie mit dem Formular wedelte, nahe: Sie genoss es. Finalistin 1 sah sich lächelnd um und sah ausschließlich lächelnde Köpfe, die sich auch gegenseitig dezidiert zulächelten, um den Erzieherinnen (die andere hieß Ute) zu vermitteln, dass sie nichts mit der sogenannten Ellbogengesellschaft zu tun hatten, und das, obwohl sie augenblicklich und innerlich natürlich extrem ellbogenhaft miteinander um einen Kita-Platz kämpften. Dabei wurde der einzig anwesende Mann besonders freundlich von den anderen Finalistinnen und Finalistin 1 angesehen, um so etwas wie Fortschrittlichkeit zu demonstrieren. Neben dem Mann fiel Finalistin 1 noch eine andere Person auf: Finalistin 2. Sie saß neben ihr und war eigentlich viel zu trashig für diese Gegend. Irgendwas musste da bei der Vorselektion schiefgegangen sein, überlegte Finalistin 1, während sie wieder einmal feststellte, dass weder Susi noch Ute sie je anguckten und sie ihre Kita-Platz-Chancen schwinden sah.

Finalistin 1 bekam rote Flecken am Hals und sah rüber zu Finalistin 2, die falsche Fingernägel und zu viel Schminke im Gesicht hatte. Außerdem benutzte sie dieses unerträgliche Chloé-Parfüm, das einen immer in der U-Bahn störte und sie auch in diesem Augenblick echt aggressiv machte. Finalistin 1 kochte, und dann wurde ihr sehr plötzlich sehr schlecht. Der einzige Mann stellte irgendeine extrem sinnvolle Frage ("Welche Biohersteller bevorzugen Sie?"), die Formulare wurden endlich ausgeteilt, und Finalistin 1 wollte sich gerade daranmachen, die übrigen Finalisten durch eine supereloquente Beantwortung der Formularfragen auszuschalten, als ihr immer übler wurde. Sie starrte auf das Formular ("Was verstehen Sie unter einer Erziehungspartnerschaft?"), merkte, dass sie sich tatsächlich würde übergeben müssen, beugte sich zur Seite und erbrach sich auf das Formular von Finalistin 2, die aufsprang, das Gesicht verzog und irgendetwas in einer fremden Sprache zischte.

"SORRY", erwiderte Finalistin 1 noch würgend und wischte sich über den Mund, "du kannst doch froh sein, dass ich dir auf dein Formular gekotzt habe. Jetzt musst du es nicht ausfüllen, was du eh nicht gekonnt hättest, weil du die Fragen nicht verstehst und keine Ahnung von frühkindlicher Bindungstheorie hast. Die hätten dich hier niemals reingelassen."

Susi und Ute rangen die Hände. Der einzige Mann schaltete sich ein: "Moment mal, das ist aber jetzt rassistisch von Ihnen ..."

Finalistin 1: "Und Sie sind ein Sexist, ein umgekehrter."

Mann: "Und klassistisch sind Sie obendrein. Ich möchte wirklich nicht, dass mein Kind in so einem Umfeld aufwächst."

Und alle der anwesenden Finalisten schüttelten abwechselnd mit dem Kopf und nickten und blieben sitzen, denn sie alle wollten für ihr Kind nur das Beste.