Männer und Jungen kriegen keine gute Presse, hängt an ihnen doch der Fluch der "toxischen Maskulinität". Nun kommt das Verdikt von höchster wissenschaftlicher Warte, den 120.000 Mitgliedern des Amerikanischen Psychologen-Verbandes APA. Die Jungs, so der Kern der 30-Seiten-Anleitung für Therapeuten, litten an einer giftigen Ideologie, der "traditionellen Männlichkeit". Diese predige "Stoizismus, sich auf sich selbst zu verlassen und Konkurrenzdenken". Überdies wollten Männer "keine Verletzlichkeit zeigen". "Aggressiv" und "homophob" seien sie sowieso.

Nietzsche, der wie kein anderer die Kulturumbrüche unserer Zeit vorausgesehen hat, sprach von der "Umwertung aller Werte" und dem Ende der "verwegenen" Männlichkeit. Doch Stoizismus (das Gegenteil von Hysterie) umschrieb stets die Tugend von Menschen, die ihre Affekte beherrschen und Leid gefasst tragen. Bewundernswert war früher die Eigenständigkeit, in der auch Selbstverantwortung steckt. Wer seine Verwundbarkeit hintanstellte, war ein Held, der "unerhörte Taten" vollbrachte, sein Selbst dem Ganzen unterwarf. Er schützte die Schwachen und schlachtete die Drachen. Konkurrenzdenken ist auch Frauen nicht fremd, die in die Vorstände und Parteiämter streben. Aggressivität kann tödlich enden, aber ihr feinerer Bruder heißt Mut, während Feigheit in allen Kulturen verachtet wird.

Wer ist eigentlich "traditionell männlich", also ein Kandidat für die Couch? Der junge Werther? Der Krieger Cyrano de Bergerac, der verzagt nach seiner Roxane schmachtet? Willy Brandt, der unaufhörlich "Friedenspolitik" pries? Gary Cooper, der in Zwölf Uhr mittags einsam drei Schurken niederkämpft, nachdem die Männer von Hadleyville ihm angstschlotternd die Hilfe versagt haben? Der Maler Max Beckmann meldete sich 1914 freiwillig zum Militär; dann – "auf Franzosen schieß ich nicht" – mutierte er zum Pazifisten, der an der Front die Grauen des Krieges in Bilder goss. Heute hoch verehrt, gingen Hans Scholl und Alexander Schmorell 1942 in den Widerstand und endeten auf dem Schafott.

Schließlich die Figur des "Gentleman", der Stärke mit Selbstzucht paart, entschieden, aber rücksichtsvoll handelt. Er ist das Gegenteil des Machos, der stets seine aggressive Männlichkeit beweisen will. Für den Gentleman gilt grace under pressure, Anstand unter Druck, auch wenn das Testosteron tobt oder ein Hahnenkampf ansteht.

Es gibt keine "traditionelle" Männlichkeit; das Spektrum reicht von Caligula, dem sexbesessenen Tyrannen, bis zu Albert Schweitzer und Nelson Mandela, vom Grapscher bis zum Bergretter, der sein Leben für andere riskiert. Richtig: Männer sind leichtsinniger und gewaltbereiter als Frauen; sie suchen den Kick und landen weitaus häufiger hinter Gittern. Aber Männer und Jungen zu pathologisieren, wie es die APA tut, ist Gutdenk, wonach Männlichkeit bloß ein verwerfliches "gesellschaftliches Konstrukt" ist.

Den Therapeuten muss man Glück wünschen, wenn sie ideologiebeschwingt Biologie und Evolution wegwischen. Das erinnert an einen befreundeten Harvard-Ökonomen, der seine zweijährigen Töchter genderneutral zu formen gedachte. Er schenkte ihnen einen großen und einen kleinen Spielzeug-Lkw. Fröhlich krähten die Zwillinge: "Mami-Truck und Baby-Truck!" Die progressive Mutter war auch perplex.