Die Szene ähnelt sich seit 2.000 Jahren: Dösende Hirten blicken versonnen ins gleißende Mittagslicht, da erscheint ihnen plötzlich Maria im güldenen Strahlenkranz. Die Nachricht verbreitet sich, Pilger strömen heran, der Vatikan bestätigt das Wunder, es entsteht ein florierender Wallfahrtsort. Nicht ganz so in Medjugorje in Bosnien-Herzegowina.

Dort zeigte sich am 24. und 25. Juni 1981 zwar auch die Gottesmutter sechs Kindern, die Schafe hüteten. Aber Rom glaubt nicht an ein Wunder. Zumindest noch nicht. Ein halbes Dutzend Zeugen sind schließlich schwerer zu entkräften als einer. Heute sind die Kinder erwachsen und behaupten, noch immer regelmäßig Besuch von der Muttergottes zu bekommen. Die Gospa (Herrin) sende zudem ganz klare Botschaften. In 38 Jahren kamen so 42.000 Ortstermine mit der heiligen Maria in Medjugorje zusammen.

Für die Kirchenoberen ist eine solche Hotline dann doch etwas zu viel des Guten. Der Bischof von Mostar berief 1982 eine Untersuchungskommission, die das Wunder nicht bestätigte. Er entließ zudem zwei Franziskanermönche, die die Millionen Pilger jährlich seelsorgerisch betreuten. Mittels der Seher meldete sich die Gottesmutter prompt zu Wort und kritisierte diese kirchenpolitische Maßnahme des Bischofs. Das wiederum verstärkte dessen Skepsis. Weitere Untersuchungen folgten, zu denen auch Psychologen hinzugezogen wurden. Die Glaubenskongregation in Rom bestand darauf, dass es sich hier nicht um eine übernatürliche Erscheinung handelte. Papst Benedikt XVI. beschwerte sich über "zahlreiche absurde Botschaften, Unaufrichtigkeiten und Lügen und Ungehorsam" und verbot dem franziskanischen geistlichen Betreuer der Seher seine Tätigkeit. Offizielle Wallfahrten von Bistümern und Pfarreien nach Medjugorje sind immer noch nicht gestattet.

Es ist diese Abstimmung mit den Füßen der Pilgermassen, die den Vatikan nun offenbar zu einem Umdenken bewegt. Ende 2009 hatte bereits der Wiener Kardinal Christoph Schönborn sich wohlwollend geäußert. Vielleicht lassen sich ja Gesetz und Geschäft doch noch verbinden. Nach weiteren Kommissionstreffen mit Einzelbefragungen der sechs Seher ist Rom nun geneigt, die ersten Erscheinungen als authentisch zu akzeptieren. Franziskus sagte auf dem Rückflug vom 100. Jahrestag der Marienerscheinungen im portugiesischen Fatima, er sehe Maria zwar nicht "als Leiterin eines Telegrafenamtes, das jeden Tag eine Nachricht zu einer bestimmten Stunde versendet", bewertete aber den letzten Untersuchungsbericht als "sehr gut". Er hat mit Henryk Hoser, dem Erzbischof von Warschau-Praga, einen Medjugorje-Sondergesandten ernannt, der die baldige Anerkennung in Aussicht stellt.

Medjurgorje wird zum Symbol dafür, wie biegsam katholische Dogmen gelegentlich doch sein können.

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