Die Zukunft des Dinos – Seite 1

Das Berliner Naturkundemuseum auf den ersten Blick? Größe und Einmaligkeit. Der Brachiosaurus brancai erhebt sein auf den endlosen Hals geschraubtes Haupt so dicht unters Glasdach, als sei der Sauriersaal eigens um ihn herumgebaut. Zu seinen Füßen eine Urkunde. Mit seinen 13,27 Metern Höhe sei dies das "weltweit größte montierte Saurierskelett". Der Brachiosaurus ist nicht der einzige Dinosaurier im Saal, doch nur ihn umhüllt die Aura eines Unikats. Ein Publikumsmagnet, die Nofretete des Naturkundemuseums.

Auch sonst ist hier viel von den Riesenechsen aus dem Erdmittelalter die Rede. Warum konnten sie auf so kurzen Beinen so schnell laufen, wie weit ihr Maul aufreißen, und fielen Saurier, die sich selbst mit vegetarischer Kost begnügten, ihrerseits fleischfressenden Verwandten zum Opfer?

Wenig hingegen erfahren die Besucher darüber, wer die Knochen der Urviecher eigentlich wo gefunden und ausgebuddelt und wer sie anderswo wieder zusammengeschraubt und hingestellt hat. "Am Berg Tendaguru in Ostafrika (Tansania)", heißt es zum Beispiel, "wurden Tausende Skelettreste von Dinosauriern aus Schichten der späten Jurazeit ausgegraben." Den Ländernamen Tansania gab es aber damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, noch nicht, und auf der Landkarte stand auch nicht Ostafrika, sondern Deutsch-Ostafrika. Vom Kolonialismus ist in Berlins Naturkundemuseum nicht die Rede.

Doch die Zeiten ändern sich. So wurde neulich im Sauriersaal, der sich für solche Anlässe übrigens hervorragend eignet, ein Buch vorgestellt, das man nur empfehlen kann. Es heißt Dinosaurierfragmente. Zur Geschichte der Tendaguru-Expedition und ihrer Objekte. Später am Abend stieß man darauf an, dass es sich bei diesem so umfassenden, präzisen und gut geschriebenen Buch um einen Fall vorbildlicher Provenienzforschung handelt. Nur gesellt sich zur Provenienzforschung ja im Moment sofort die viel verstörendere Restitutionsdebatte, Stichwort Raubkunst, Humboldt Forum, Benin-Bronzen. Gehört nicht auch der Brachiosaurus nach Tansania, wo er unter dem Kolonialregime der Deutschen einst ausgegraben wurde? Diese Frage wurde, ziemlich zum Schluss, aus dem Publikum gestellt. Und noch etwas: Werden die Knochen überhaupt zurückgefordert?

Tatsächlich, so hieß es, gebe es in der Gegend der Fundstelle einige Lokalpolitiker, die den Saurier einforderten. Die in der tansanischen Öffentlichkeit geführte Diskussion vermittle aber insgesamt ein diffuses Bild. Offiziell zähle, was Außenminister Augustine Mahiga letztes Jahr seinem Kollegen Heiko Maas versicherte: Tansania verzichtet auf eine Restitution, bittet aber um Unterstützung bei Grabungen und dem Aufbau von Museen.

Ist damit aber alles gut? Angesichts der hundertjährigen Karriere dieser Fossilien ist das kaum zu vermuten. Ende 1906 oder Anfang 1907 wurden die Knochen zufällig von der deutschen Bergbau-Gesellschaft gefunden, die in der Kolonie eigentlich nach Mineralien schürfte. Für die Deutschen ein Trumpf im internationalen Konkurrenzkampf der Paläontologie: Der scramble for Africa (Wettlauf um Afrika) war durch Grenzziehungen zwar entschieden, nicht aber der scramble for dinosaurs, der durch das auch in den USA grassierende Saurierfieber zusätzlich befeuert wurde. Von 1909 bis 1913 verfrachtete die vom Berliner Naturkundemuseum beauftragte Tendaguru-Expedition also 250 Tonnen Dinosaurierfossilien in die Hauptstadt. Eine "nationale Ehrensache", erklärte der damalige Museumsdirektor Wilhelm von Branca. Im Nationalsozialismus geriet der im Museum erst 1937 fertig montierte Brachiosaurus, der zuvor eine Werbefigur der Kolonialisten war, aber bald aus dem Rampenlicht – das betrübliche Schicksal einer zwar mächtigen, allerdings ausgestorbenen Art taugte wohl nicht zur völkischen Erbauung.

Für sich betrachtet, erscheint die Tendaguru-Expedition im Licht der Dinosaurierfragmente als ein zwar höchst fragwürdiges Unterfangen, nicht aber als brutales Gewaltverbrechen. Die afrikanischen Lastenträger arbeiteten freiwillig und wurden dafür bezahlt. Äußerst brutal war allerdings in derselben Region der Maji-Maji-Krieg zwischen 1905 und 1907 verlaufen, der geschätzt bis zu 300.000 Afrikaner das Leben kostete. Die deutsche Kriegstaktik hieß verbrannte Erde: Allein durch die systematische Vernichtung von Ernte und Saatgut starben Zehntausende.

"Das Museum muss dafür schon selbst eine Sensibilität entwickeln"

Schließlich wurden die Fossilien durch eine große juristische Spitzfindigkeit ("Kronlanderklärung No. 14") zum deutschen Eigentum bestimmt und wurde ein auf 3.500 Hektar abgegrenztes Gebiet gegen die "Eingriffe Unberufener" geschützt; für die Einheimischen hieß das, dass sie hier weder siedeln noch Landwirtschaft betreiben durften, für die Paläontologen anderer Missionen, dass die Fossilien allein dem Berliner Naturkundemuseum zur Verfügung standen. Ein zentrales Sitzungsprotokoll ist dabei womöglich ein Fake: Es sollte belegen, dass auch afrikanische Autoritäten diesen Regelungen zugestimmt hatten, obwohl sie bei der fraglichen Zusammenkunft mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht anwesend waren.

Trotzdem stellen die Autoren fest, dass die Tendaguru-Expedition den damals gültigen deutschen Rechtsansprüchen genügte. Für eine juristische Revision gebe es auch heute keine Grundlage.

Bei der Buchvorstellung im Sauriersaal saß Johannes Vogel, der Generaldirektor des Museums, auf dem Podium, ebenso wie die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die den Abend moderierte, sich beim Thema Restitution aber zurückhielt. Seltsam. Zumindest wenn man an den Bericht denkt, den sie, im Auftrag von Emmanuel Macron, zuletzt mit dem Ökonomen Felwine Sarr geschrieben hat. Savoy gilt seitdem als bekannteste Fürsprecherin der Rückgabe kolonialen Kulturguts aus Afrika. Auch erwähnenswert: Das Buch Dinosaurierfragmente ist das Resultat einer mehrjährigen vom Bund finanzierten Recherche, an der das Museum für Naturkunde, die Humboldt-Universität und die TU beteiligt waren. Institutionell repräsentieren Bénédicte Savoy (TU-Professorin) und Johannes Vogel (Museum) also dasselbe Forschungsprojekt.

Was aber denken denn nun die Kunsthistorikerin und der Museumsdirektor über Präsentation und Verbleib der Saurierknochen in Berlin? Das wollten wir uns doch noch einmal etwas ausführlicher erklären lassen. Technische Universität, Institut für Kunstwissenschaft und historische Urbanistik. Hier treffen wir Bénédicte Savoy in ihrem Büro. Sie könne, schickt sie vorweg, nicht als Expertin für naturkundliche Exponate sprechen, sie spreche als Kunsthistorikerin.

Es scheine ihr allerdings im Fall des Dinosauriers nicht völlig anders zu sein als zum Beispiel bei einem Bild von Picasso: "Man hat sich sehr lange alle möglichen Gedanken über den Malstil gemacht und nur sehr wenig darüber gesprochen, wie gerade dieses Gemälde durch welche Hände und zu welcher Zeit in genau dieses Museum gekommen ist." Die Dinosaurierfragmente hätten eine Wissenslücke geschlossen. "Das Buch erzählt jetzt alles. Aber der Museumsraum noch nicht. Es muss aber meines Erachtens sein."

Und dann? Soll das Naturkundemuseum, in Erkenntnis historischen Unrechts, eine Rückgabe der Fossilien nach Tansania anbieten? "Ein solches Signal", sagt Savoy, "wäre doch schon eine Bereicherung. Würde man sagen: Warum nicht? Lasst uns darüber nachdenken! Das brächte neue Energien, neue Gelüste." Es könne aber nicht ihre Rolle sein, so etwas zu fordern. "Das Museum muss dafür schon selbst eine Sensibilität entwickeln." Schließlich hat Bénédicte Savoy auch eine Idee, was nach einer möglichen Rückgabe im Sauriersaal stehen könnte. "Wäre es denn so dramatisch, eine komplette Gips-Simulation im Naturkundemuseum aufzustellen? Wie schlimm wäre es für das Publikum, wenn die Originalknochen wieder in unmittelbare Nähe zu ihrer Fundstelle zurückgingen? Das würde allerdings voraussetzen, dass aus Tansania irgendwann einmal explizit danach verlangt wird."

Überrascht es, wenn sich Johannes Vogel, der Museumsdirektor, für solche Anregungen nicht erwärmen möchte? "Sie müsste", befindet er über Savoy, "schon deutlich machen, ob sie als Wissenschaftlerin spricht oder als Aktivistin. Aber diese Vermischung passt natürlich gut zur Rolle, die sie in der derzeitigen Debatte spielt." Bei unserem Besuch hatten wir das Museum diesmal nicht durchs Hauptportal betreten, sondern durch einen der Seiteneingänge, den auch die Ornithologen, Botaniker, Paläontologen, Geoinformatiker oder Historiker benutzen, die täglich hier arbeiten. Dieses Haus ist ein Ort, an dem Dinge nicht nur gezeigt, sondern auch erforscht und diskutiert werden.

Seitdem nun alle über Provenienzen und Restitutionen reden, gibt Vogel Interview auf Interview. Die Tagesthemen blendeten vom Brachiosaurus brancai umstandslos auf die Benin-Bronzen, das Deutschlandradio sendete unter dem Titel Bye bye Dino? ein Gespräch mit dem Museumsdirektor.

Unterschied zwischen Artefakten und naturkundlichem Material

Aus seinem Mund nur Lob zu den Dinosaurierfragmenten; eine der Autorinnen, Ina Heumann, ist als Kulturwissenschaftlerin im Museum angestellt. Jetzt, so Vogel, werde darüber gesprochen, wie sich die historischen Erkenntnisse auf die museale Präsentation der Saurier übertragen lassen. Dass sich das Tempo seines Hauses dabei nicht dem Drang der öffentlichen Debatte anpasst, liegt für ihn in der Natur der wissenschaftlichen Einrichtung. Man müsse das überhaupt verstehen: "Wir sind ein integriertes Forschungsmuseum. Das bedeutet für die Dinosaurierausstellung: Sie ist zum Ensemble gewordene Forschung. Es wäre ein gravierendes Missverständnis, ein Museum wie das unsere nur als Schaufenster zu begreifen. Dass die Forschungsobjekte auch gezeigt werden, ist im Grunde nur Beiwerk. Für achtzig Prozent unserer Arbeit müssten wir unsere Türen für das Publikum gar nicht öffnen."

Sind die Saurier also nicht in erster Linie als die monumentalen Schaustücke bedeutsam – und könnten dort vielleicht durch täuschend ähnliche Repliken ersetzt werden?

Vogel nennt ein Beispiel aus der Paläo-Pathologie. Anhand eines Dysalotosaurus-Wirbels sei es am Naturkundemuseum gelungen, Forschungsergebnisse zur sogenannten Paget-Krankheit beizusteuern, bei der die Infektion mit einem masernähnlichen Virus zu einer allmählichen Knochenverschmelzung führt. Der älteste Nachweis einer Viruserkrankung in der Erdgeschichte. Solche Untersuchungen könne man beim besten Willen nicht an Skeletten aus Gips betreiben.

In der Provenienzdebatte sieht Vogel einen zentralen Unterschied zwischen Artefakten und naturkundlichem Material. Die am Tendaguru ausgegrabenen Fossilien seien doch nur der Rohstoff der eigentlichen Konstruktionsleistung gewesen: "Eine Maske oder ein Thron – die sind für mich der Ausdruck der Identität und der handwerklichen Fähigkeit jeweils einer bestimmten Ethnie. Andererseits ist der Brachiosaurus hier in Berlin ebenfalls der Ausdruck der Kunstfertigkeit und der Identität einer bestimmten Ethnie. Das ist die Ethnie der Berliner Paläontologen."

Der Kolonialismus? "Per se ein Unrechtskontext", sagt Vogel und möchte doch auch hier differenzieren. Die Arbeiter der Saurier-Expedition seien, im historischen Kontext betrachtet, relativ gut behandelt und bezahlt worden. Zum Unterschied: "Die Benin-Bronzen sind im Zuge einer Strafexpedition angeeignet worden, woraufhin Teile des Feldzugs durch den Erlös dieser Objekte wieder refinanziert worden sind. Das kann man mit den Grabungen am Tendaguru ganz und gar nicht vergleichen."

Der Vorschlag, den Johannes Vogel macht, deckt sich mit dem zuletzt geäußerten Wunsch des tansanischen Außenministers: Das Naturkundemuseum könne seine paläontologische Expertise zur Verfügung stellen, um gemeinsam mit den afrikanischen Kollegen nach weiteren Dinosauriern zu graben, die dann im Land blieben.

Die Fundstelle sei circa hundert Quadratkilometer groß, da lägen Fossilien noch in rauen Mengen in der Erde. Übrigens sei auch der Fund eines noch größeren Sauriers wahrscheinlich, der Berliner Brachiosaurus war schließlich ein Jungtier. Entscheidend allerdings: "Die Tansanier bekämen dann nicht bloß ein totes Objekt, das niemand produktiv machen kann. Sie bekämen ein Wissen um Grundlagen und Strukturen für weiter gehende produktive Forschungen. Nur so, finde ich, würden wir, die ehemaligen Kolonialherren, uns wirklich unserer Verantwortung stellen."

Also doch nicht: "Bye bye, Dino"? Der Museumsdirektor zuckt mit den Schultern. "Falls tatsächlich einmal beschlossen werden sollte, dass die Dinosaurier zurückgegeben werden müssen, dann wäre das sowieso nicht meine Entscheidung, sondern eine der Politik. Ich werde mich aber nie in die Schmuddelecke stellen lassen. Naturkunde und Kulturobjekte sind zu unterscheiden. Wir treiben die Diskussion offen und entschieden voran. Und wir haben hier weder Benin-Bronen im Haus noch die Elgin Marbles."