Im Wiener Landesgericht wurde 1947, zwei Jahre nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur, eine Ausstellung mit dem Titel Tausend Gestapohelfer werden gesucht eröffnet. 1000 Fotoporträts von Verdächtigen waren zu sehen und ein Modell des ehemaligen Luxushotels Metropol, in dem die Nationalsozialisten die Gestapo-Leitstelle Wien untergebracht hatten. Die Fotos und das Modell sollten es Zeugen und Opfern ermöglichen, möglichst genaue Aussagen zu den NS-Tätern zu machen, die für die Nachkriegsjustiz ansonsten nur schwer zu überführen waren.

Während die Ausstellung gezeigt wurde, standen immer noch ruinenhafte Überreste des ehemaligen Hotels, das bei Bombenangriffen im Jänner und März 1945 schwer beschädigt worden war. Der größte Teil der Akten und Karteien war jedoch längst nicht mehr vorhanden – die Gestapo hatte einen großen Teil des belastenden Beweismaterials in den Heizkesseln des Hauses vernichtet. Basierend auf den wenigen überlieferten Beständen und der Forschung der letzten Jahre stellt jetzt ein neues Buch der Historiker Elisabeth Boeckl-Klamper, Thomas Mang und Wolfgang Neugebauer Struktur und Aufgabenbereiche der Wiener Gestapo vor, welche die größte regionale Leitstelle im "Dritten Reich" darstellte.

Bereits wenige Wochen nach dem "Anschluss" zog die zentrale Institution des NS-Terrors in die ehemalige Nobelherberge. Wien stand aufgrund der geopolitischen Lage an der Reichsgrenze und aufgrund des kommunistischen und legitimistischen Widerstandes sowie der im Kriegsverlauf zunehmenden Zahl an "Ostarbeitern" im Fokus der Staatspolizei.

Täglich wurden bis zu 500 Menschen zur Einvernahme in die Gestapo-Zentrale vorgeladen oder nach erfolgter Festnahme eingeliefert. Karl Ebner, der Stellvertretende Gestapo-Leiter, sprach später zynisch von einem "Parteienverkehr" von insgesamt über 50.000 Personen. Aus den Hotelzimmern waren Büros und Verhörräume geworden, im Erdgeschoss und im Keller wurden Häftlingszellen errichtet. Die ehemalige Personaltreppe diente nun als Häftlingsstiegenhaus und war bis zum 5. Stock vergittert, damit die verzweifelten Verfolgten an einem Sprung in die Tiefe gehindert wurden.

Der "Parteienverkehr" betraf ein breites Panorama: politische Gegner der NS-Diktatur, Juden, Widerstandskämpfer, sogenannte Asoziale und "Arbeitsunwillige", Leute, die feindliche Radiosender gehört hatten, Homosexuelle und Personen, die verbotene Beziehungen zu Kriegsgefangenen unterhalten oder sich gegen das Regime ausgesprochen hatten und denunziert worden waren.

Die Wiener Gestapo wurde rasch zu einem "Machtinstrument in der Hand des Führers"

In erstaunlich kurzer Zeit hatte die Gestapo-Zentrale in Wien Gestalt angenommen. Während die Struktur des Terrorapparates in Deutschland schrittweise etabliert wurden, brach die gesamte Wucht der Grausamkeit unmittelbar nach dem "Anschluss" über Wien herein. Für dieses Vorgehen war eine umfassende Vorbereitung notwendig, die bereits in den Monaten vor dem deutschen Einmarsch unter reger Beteiligung illegaler österreichischer Nationalsozialisten umgesetzt wurde: Schwarze Listen von Personen, die verfolgt werden sollten, wurden ebenso angelegt wie Dossiers über Vermögenswerte und politisch relevante Dokumente, die es zu beschlagnahmen galt. Franz Josef Huber, der spätere Chef der Wiener Gestapo-Leitstelle, war nach eigenen Aussagen bereits ab 1933 "in München und Berlin mit österreichischen Angelegenheiten" befasst. Seit dem Berchtesgadener Abkommen zwischen Hitler und Kanzler Kurt Schuschnigg vom Februar 1938 war der neue Sicherheitsminister Arthur Seyß-Inquart dafür verantwortlich, dass sämtliche polizeilichen Unterlagen über austrofaschistische Strukturen sowie über die Linke schon frühzeitig für die späteren NS-Machthaber gesichert wurden. Adolf Eichmann berichtete später, dass er kurz vor dem "Anschluss" damit beschäftigt war, in Deutschland eine Österreichkartei aus Hollerith-Lochkarten herzustellen, welche die Namen von "Personen, Organisationen, Zeitungen und Zeitschriften, Behörden, Schulen, etc." umfasste: "Ich schnitt und lochte."

Bereits am Tag des "Anschlusses" fanden Gespräche zwischen deutschen Polizeifunktionären und nazistisch eingestellten Wiener Polizeiangehörigen statt. Aufgrund der chaotischen März-Tage war es den Nationalsozialisten ein Anliegen, so schnell wie möglich einen funktionierenden staatspolizeilichen Apparat zu etablieren. Bereits am 14. März konnte der Völkische Beobachter melden, dass alle Maßnahmen getroffen worden waren, um "auch in Österreich die Polizei zu dem zu machen, was sie im Reiche schon lange ist: zu einem zuverlässigen nationalsozialistischen volksverbundenen Machtinstrument in der Hand des Führers".

Österreichische Polizeibeamte und Mitarbeiter der Wiener Sicherheitswache machten schließlich über 80 Prozent der späteren Gestapo-Belegschaft aus – unter ihnen fanden sich genügend Personen, die sich durch Pflichteifer, Ehrgeiz und Obrigkeitshörigkeit hervorgetan hatten und darüber hinaus bereits über eine längere Zeit als illegale Nationalsozialisten aktiv gewesen waren. Jene die als Regimegegner oder "jüdisch versippt" galten, waren bereits in der Nacht vor dem "Anschluss" verhaftet worden.

Professionelle Polizeiarbeit war der Schlüssel zum Erfolg der Staatspolizisten

Entgegen dem Klischeebild, das teilweise von den Nazis selbst entwickelt worden war und nach dem Krieg weiterhin die Vorstellung dominierte, handelte es sich bei den meisten Gestapo-Männer nicht unbedingt um primitive, sadistische Schläger in schwarzen Ledermänteln, sondern vielmehr um gut ausgebildete, karriereorientierte Beamte aus kleinbürgerlichem Milieu. Da sie im Umgang mit polizeilichen und kriminaltechnischen Ermittlungsmethoden geübt waren, war, nach Ansicht der Autoren des Buches, diesen professionellen Qualitäten die hohe Effizienz und der Erfolg der Wiener Gestapo geschuldet. Der Übergang zwischen überzeugten Nationalsozialisten, Mitläufern und Opportunisten war im März 1938 wohl fließend. Viele "alte Kämpfer" und "Illegale", die sich aufgrund ihrer langjährigen Aktivität für die nationalsozialistische Sache Hoffnungen auf Positionen gemacht hatten, kamen aber nun nicht zum Zug, wenn sie in Konkurrenz zu jenen standen, die über polizeiliche Schulung und berufliche Erfahrung verfügten.