Firas J. hat keine Zeit zu verlieren. Der Syrer lässt sich in Kiel auf einen Platz im Café fallen und klappt gleich seinen Laptop auf. Kaffee, Kuchen? "Nein, danke", sagt er, nicht einmal seine Jacke zieht er aus. Es sind schon zwei Wochen seit dem Tod seines Bruders Mitte Januar vergangen, ohne dass ein Schuldiger gefunden wurde. Also los jetzt.

Der 50-jährige promovierte Chemiker klickt auf eine Datei, Titel: "Mein Bruder Mohamed J." Es ist die Mail, die er an die Polizei geschickt hat. In fast flehendem Ton legt er darin den Ermittlern dar, dass "nur das Assad-Regime" als Verantwortlicher für den Mord an seinem Bruder infrage komme. Es ist eine Mail voller Verschwörungstheorien und Ausrufezeichen, der man die Aufgeregtheit des Absenders anmerkt. "Ich bitte um eine ernsthafte sinnvolle Ermittlung", schreibt J.

"Schauen Sie", sagt er im Café in Kiel und klickt auf zwei Videos im Anhang der Mail. Grobkörnige Bilder flimmern über den Bildschirm, Männer in Uniformen umringen auf dem Boden zusammengekauerte Gestalten, stechen ihnen mit Messern in den Rücken, schlitzen das Fleisch auf. Sie prügeln mit Eisenstangen auf sie ein, lassen ihnen schwere Steine auf den Schädel fallen. Die Körper am Boden zucken erst noch, irgendwann rühren sie sich nicht mehr. Syrische Soldaten seien das, sagt J., die sich an Regimekritikern vergingen. Es sind kaum auszuhaltende Szenen.

"So gehen Assads Leute mit Feinden um", sagt Firas J. "Sie wollen sie leiden sehen." So, glaubt er, seien Assads Leute auch mit seinem Bruder umgegangen. Ein Mord von Assad-Schergen, mitten in Hamburg? Bislang ist das nicht mehr als eine Theorie in einem Fall, in dem kaum etwas feststeht. Klar ist nur, dass es eine außergewöhnlich brutale Tat war.

Am Abend des 15. Januar taumelt ein schwer verwundeter Mann in die Harburger Fußgängerzone: Firas’ Bruder Mohamed. Der Syrer führt eine Apotheke in der Lüneburger Straße, von dort ist er in ein gegenüberliegendes leer stehendes Geschäftshaus gegangen, das ihm gehört. In der Immobilie lauern ihm offenbar zwei Männer auf. Mit einer Axt und einem großen Hammer fallen sie über ihn her, hacken auf ihn ein, schlagen ihm einen Finger ab, zertrümmern die Schädeldecke. 20 Hiebe zählen die Ermittler später. Mit letzter Kraft schleppt sich J. nach unten. Auf der Straße kollabiert er, wenig später stirbt der 48-Jährige im Krankenhaus.

Wer hat ihm das angetan? Auch Tage nach der Tat erscheinen die Ermittler ratlos. Zwei Männer sollen gesichtet worden sein, wie sie Stunden vor der Tat in Richtung des Geschäftshauses liefen. Dunkle Mützen, dunkel gekleidet, sehr unterschiedlich groß, einer trug eine Axt. Ein Fahndungsaufruf aber habe zunächst kaum Hinweise gebracht, heißt es von der Polizei. In einem Mülleimer in der Umgebung finden die Beamten abgelegte Klamotten, ein Spürhund führt sie zum nahe gelegenen Parkhaus. Die Auswertung, sagt eine Sprecherin, dauere noch an.

Wer war Mohamed J.? Recherchiert man im Umfeld des Apothekers, tut sich eine Welt auf, in der der syrische Krieg ganz nah ist. Es ist eine Welt, in der sich fast alle einig sind, dass der Mord an dem Syrer politisch war.

Mohamed J. kommt 1989 nach Deutschland. Gleich nach dem Schulabschluss verlässt er seine Heimatstadt Aleppo und beginnt ein Pharmaziestudium in Hamburg. Etwa zehn Jahre später eröffnet er in der Neustadt seine erste eigene Apotheke. J. wird FDP-Mitglied, handelt an der Börse mit Wertpapieren, bald kauft er seine ersten Immobilien. Allein in der Harburger Fußgängerzone besitzt er drei Häuser. Mit seiner Frau und zwei Kindern bewohnt er eine dreigeschossige Villa in Eppendorf.

Als in Syrien 2011 die Revolution gegen das Regime beginnt, stellt sich J. klar auf die Seite der Assad-Gegner. Er schließt sich der syrischen Oppositionsbewegung in Deutschland an und gründet die "Union der Syrer im Ausland", die Flüchtlingen in Hamburg bei der Integration hilft. J. schickt Container voller Hilfsgüter in ein Flüchtlingsheim in Jordanien. Auf Facebook sammelt er Spenden, um ein Krankenhaus an der türkisch-syrischen Grenze wieder aufbauen zu können.