Was diesen Sommer in Hamburg ausprobiert werden soll, gibt es anderswo längst. In Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, werden seit den Siebzigern jeden Sonntag die großen Hauptstraßen für Autos in einer Fahrtrichtung gesperrt. Der Raum gehört dann von 7 bis 14 Uhr den Radfahrern und Spaziergängern. Paris schloss vor 17 Jahren erstmals eine Schnellstraße am Seine-Ufer fünf Wochen lang in den Sommerferien und verwandelte sie in einen riesigen Stadtstrand. Heute ist ein Festival daraus geworden. "Und in Tokio habe ich selbst gesehen, wie am Wochenende bestimmte Straßen gesperrt werden", sagt Mario Bloem, "das heißt dann 'Fußgängerparadies', und die Leute genießen den Raum, den sie bekommen. Warum soll das hier nicht auch möglich sein?"

Der Stadtplaner steht ein paar Schritte vom Hamburger Rathaus entfernt im gleichnamigen Quartier. Es liegt mitten in der City und doch etwas im Schatten, seit Jahren hat sich kaum jemand um diesen Teil der Innenstadt gekümmert, was man dem Viertel ansieht. Hier, wo sich die Kleine Johannisstraße und die Große Bäckerstraße treffen, soll das Experiment stattfinden. Hier soll Hamburg ein wenig werden wie Bogotá oder Paris.

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Das Experiment: Mindestens drei Monate lang soll das Rathausquartier im kommenden Sommer auto- und Lkw-frei sein. Mit beweglichen Blumenkübeln könnte man um 11 Uhr acht kleine Straßen des Viertels absperren (siehe Karte). Und sie dann um 23 Uhr wieder öffnen, damit der Lieferverkehr rollen kann, auf den die 30 Lokale und 65 Geschäfte angewiesen sind. Die Tiefgaragen sollen erreichbar bleiben. Keine große Sache wohl für Menschen aus Tokio oder Paris. Aber etwas völlig Neues für Hamburg.

Die Idee entstand im Mai bei einem Workshop in der Patriotischen Gesellschaft, wo Hamburger gemeinsam überlegten, wie sie die Altstadt lebenswerter machen könnten. "Die Aufenthaltsqualität erhöhen", heißt das in der Sprache der Stadtplaner. Straßen gleich dauerhaft für Autos zu sperren erschien den Vordenkern zu tollkühn, der Widerstand wurde als zu massiv eingeschätzt. Also ein zeitlich begrenztes Experiment. Um zu zeigen, wie das Leben in der Stadt auch aussehen könnte.

Mario Bloem und seine Mitstreiterin Tu Phung Ngo von der Initiative "Altstadt für alle" befragten zunächst die Gastronomen, deren Bars und Restaurants das Viertel prägen. Das Ergebnis fiel im Herbst überraschend klar aus: 87 Prozent der Betreiber waren dafür, den Versuch zu wagen. Sie erhofften sich mehr Zulauf und Bekanntheit für das Rathausquartier. "Wir sollten den Schwung nutzen", sagte Ngo damals.

Es folgten Gespräche mit Behördenvertretern und Politikern, die meisten waren offen, manche fürchteten aber auch den Zorn des autofahrenden Volkes. Also führten Bloem und Ngo auf Wunsch der Politiker im Januar eine zweite Umfrage durch, diesmal kontaktierten sie neben den Gastronomen sämtliche Grundeigentümer und Hausnutzer im Quartier, auch die aus den Büros. Noch immer ist eine klare Mehrheit von 59 Prozent für das Experiment, 37 Prozent finden die Idee weniger gut. "Finger weg vom Auto", schrieb einer. Andere lobten die "tolle Idee" oder forderten gleich eine Fußgängerzone in der ganzen City.

Dass die Umsätze von Geschäften sinken könnten, weil einige Autofahrer fernbleiben, ist natürlich möglich. Genauso gut könnten sie aber auch steigen, weil der "Feldversuch", wie Bloem ihn nennt, viele Neugierige ins Rathausquartier locken dürfte. Gewissheit gibt es erst nach dem Praxistest.