Die Politik der starken Männer – Seite 1

Es ist nur eine Meldung unter vielen: Mike Pompeo, der amerikanische Außenminister, hat angekündigt, aus dem INF-Vertrag mit Rußland auzusteigen, dem Abkommen zum Verbot atomarer Mittelstreckenraketen. Sollte Putin nicht in letzter Minute einlenken, droht der Welt ein neues Wettrüsten, und dabei wird einer den anderen übertrumpfen wollen: noch mehr Raketen, noch präziser, noch tödlicher. Oder diese Meldung: Sollte der US-Präsident Strafzölle auf EU-Autos erheben, will sich Brüssel umgehend revanchieren, was der Handelskrieger Trump nicht tatenlos hinnehmen wird. Und seitdem China sich für Afrika interessiert, eskaliert dort der Kampf um Einfluss, Bodenschätze und Ackerland ("Landgrabbing"). Andere Länder ahmen Chinas Politik nach. Wie das enden wird? Keiner weiß es.

Eine Erklärung für die neue Weltunordnung ist schnell zur Hand: Es sei der neue Nationalismus, der überall den Kampf um strategischen Einfluss befeuere und den Globus in Aufruhr versetze. Nach dem Fall der Mauer 1989 sei die Geschichte ins alte Gleis gesprungen und habe die natürliche Konkurrenz der Völker und Nationen zurück auf die Weltbühne gebracht – die Geschichte sei gleichsam wieder normal geworden. Diese Deutung klingt griffig. Aber greift sie auch?

Es gibt noch eine andere Erklärung für den Zustand der Weltgesellschaft: Sie stammt von René Girard, einem der faszinierendsten Religionswissenschaftler und Kulturanthropologen, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Dabei verstand sich Girard weder als Zeitdiagnostiker noch als Prophet, doch sein Blick auf die Weltgesellschaft ("die große Zerrüttung") war geprägt von großer historischer Hellsicht. Als George W. Bush nach seiner völkerrechtswidrigen Irak-Intervention noch immer an die strahlende Zukunft der Region glaubte, sagte Girard voraus, bald werde der Nahe Osten in Flammen stehen; und lange bevor die Schlächter des IS wüteten, prophezeite er eine "apokalyptische Entfesselung der Gewalt".

Amerikas "Theologisierung des Krieges" nannte er fatal, weil er den Krieg Mohammeds wiederbelebe; die "Kräfte des Bösen" stünden dann gegen den "Großen Satan". Zwei Kreuzzüge, zwei Arten des Fundamentalismus. Einer ahmt den anderen nach.

Für Girard war es nicht schwer, visionär zu sein, er musste bloß seine eigene Theorie beim Wort nehmen. Im Kern beruht sie auf der Behauptung, der Mensch sei ein mimetisches Tier, sein Wesen sei die Nachahmung. Menschen machen einander nach, und sobald einer ein Objekt begehrt, weckt er das Begehren des anderen. So entsteht eine mimetische Rivalität zwischen den Menschen, und wenn niemand innehält, steigert sie sich "bis zum Äußersten", bis zum gewaltsamen Exzess. Antike Mythen, so konnte Girard zeigen, erzählen von nichts anderem als von dieser mimetischen Rivalität, vom ewigen (Götter-)Kampf um Macht und Ruhm und Frauen. Erst wenn Blut fließt, wenn Opferrauch aufsteigt und Sündenböcke gefunden werden, herrscht für eine Weile Frieden. Bis die menschliche Mimetik wieder in Gang kommt, einer den anderen nachahmt und ihm das Objekt seines Begehrens streitig macht.

Und was hat das alles mit dem Monotheismus zu tun? Nun, Juden und Christen waren diejenigen, die als Erste die mimetische Rivalität zwischen den Menschen durchschaut und darin den wahren Grund für soziale Gewalt ausgemacht haben. Girard sah darin eine spektakuläre, nachgerade welthistorische Zäsur: Die beiden Religionen erkannten, wie bedrohlich die Nachahmung sein kann, wie darin die menschliche Gewalt explodiert und der Satan vom Himmel fällt "wie der Blitz" (Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz heißt ein bei Hanser erschienenes Buch Girards).

Die monotheistischen Religionen erkannten noch etwas. Ihnen wurde bewusst, dass antike Gesellschaften ihre inneren Konflikte – oder wie es in der Bibel heißt: ihre Ärgernisse – auf eine Weise lösten, die skandalös und inhuman war: Sie wälzten sie auf unbeteiligte Dritte ab, sie bestraften Unschuldige und Minderheiten oder erfanden Sündenböcke, um ihnen die Schuld an Streit und Aufruhr aufzuhalsen und sie "in die Wüste zu jagen". Erst durch eine mythische Opferhandlung beziehungsweise durch überschießende Rache wurde der Frieden der Gemeinschaft wiederhergestellt. Der antike Mythos, so Girard, begreift seine eigene Gewalt nicht; der Kampf findet erst ein Ende, wenn ein Held tot am Boden liegt. Homers "Odyssee" kennt keine Gnade für die besiegten Besatzer, sie müssen erst abgeschlachtet werden, damit auf Ithaka Frieden herrscht. Gewalt erscheint hier als mythische Macht. Sie gehört zum Leben wie der Sommer und der Winter.

Erst die Bibel, und das bewunderte Girard an ihr, macht radikal Schluss mit der Verklärung des Opfers; sie durchschaut die mythische Gewalt und den menschlichen Anteil daran. Die Bibel delegitimiert den archaischen Glauben, wonach es erst der Opferung Unschuldiger bedürfe, um die Eintracht der Gemeinschaft wiederzuherstellen. Damit ist klar, welch grandiose weltgeschichtliche Bedeutung die christliche Passion für Girard besitzt: Das Kreuz symbolisiert das Opfer gegen das Opfer. Pilatus liefert Jesus der tobenden Menge aus, um ihren "Tumult" zu beenden, doch alle wissen, dass der Verurteilte unschuldig ist. So bringt sich Jesus selbst zum Opfer, um der Welt die Augen zu öffnen. Seht her, so seid ihr – euer Frieden beruht auf dem Opfer Unschuldiger!

Biblische Apokalyptik oder Messianismus?

Mit anderen Worten: Jesus entzieht der mythischen Opferlogik die Grundlage und beendet die Spirale aus Gewalt und Rache und neuer Gewalt. Er weiß, dass man die mimetische Natur des menschlichen Lebens nicht ändern kann; wohl aber könne man seine Energien umlenken. Deshalb sollen Menschen nicht die Gewalt, sondern sie sollen ihn, den machtlosen Messias, nachahmen; wetteifern sollen sie nicht um das Böse, sondern um das Gute. "Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin."

Ändert sich dadurch etwas? Kehrt nun Frieden ein? Nein, so lautet Girards ernüchternde Antwort, post christum ändert sich erst einmal nichts, auch wenn die Römer sich über die postheroische Verweichlichung des Imperiums durch das zersetzend friedliche Christentum beklagten. Gesellschaften, die Hemmungen entwickeln, ihre inneren Ärgernisse auf unschuldige Dritte abzuladen, neigten eher noch stärker zu Streit und Zwietracht, weil sie ihre Gewaltenergien nicht länger im Opferkult entsorgen können.

In diesem Sinne interpretiert Girard auch den berüchtigten Schwertvers "Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert": Jesus macht seinen Anhängern klar, dass sie ohne Schuldverlagerung, ohne Sündenböcke auskommen müssen – und das vertieft erst einmal den Streit, und dann ist das Schwert mitten unter ihnen. Zudem verführt eine missverstandene Religion dazu, selbst Gewalt auszuüben. Sie verschafft den Verfolgten ein gutes Gewissen, und dann verwandeln sich Opfer in Täter. So glaubt der radikalisierte Islam, er sei als historisches Opfer des Westens "in Gottes Namen" zur Gewalt ermächtigt.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt verfinsterte sich Girards Blick auf die Welt, er stand ganz unter dem Eindruck des islamistischen Terrorismus und zweifelte daran, ob der Koran der archaischen Opferlogik ebenso konsequent abgeschworen hat wie das Neue Testament. Auch in der brutalen Staatenkonkurrenz, im unerbittlichen kapitalistischen Kampf um Absatzmärkte und dem Wettlauf um die Zerstörung des Planeten sah er das Uralte am Werk: jene mimetische Logik des Menschen, die keine innere Grenze hat und bis zum Äußersten geht – bis zum Ende. Entsprechend düster fällt in seinem Gesprächsbuch über die Rivalität zwischen Clausewitz und Napoleon Girards Blick in die Zukunft aus (Im Angesicht der Apokalypse, erschienen bei Matthes & Seitz). Der Weltuntergang sei möglich, denn anstatt die globalen Probleme friedlich zu lösen, seien die Staaten in mörderischem Widerstreit befangen. "Das Göttliche ist erschienen, aber die Menschen wollen es nicht erkennen."

Von heute aus gesehen hat René Girard gegen die weltgeschichtlichen Hoffnungen eines Francis Fukuyama leider recht behalten; nach dem Fall der Mauer herrschen auf der Welt nicht Frieden und Freiheit, sondern Kämpfe um Raum, Macht und Märkte. Abstrakt gesagt: Nach 1989 haben sich die möglichen Objekte machtpolitischen Begehrens vervielfacht; Staaten und Konzerne arrondieren ihre Einflusszonen, und dann ist ein ödes Eiland im Pazifischen Ozean, das bislang jeder links liegen gelassen hatte, nur deshalb strategisch begehrt, weil es von einer anderen Macht begehrt wird.

Nur am Rande: Wer in solche geopolitischen Konflikte hineingerissen wird, der kann von Girard durchaus etwas lernen. Es kommt alles darauf an, die eigene Position zu behaupten und gleichzeitig aus der Gewaltspirale auszusteigen. Das heißt, die Art und Weise, wie Politiker auf eine Aggression antworten, ist entscheidend für den weiteren Verlauf eines Konflikts. Angela Merkels Weigerung, die Ukraine mit US-Waffen hochzurüsten, wäre also ganz in Girards Sinn gewesen: Die Bundeskanzlerin verzichtete darauf, den russischen Aggressor nachzuahmen und in Putins Eskalationsspirale einzusteigen. Überflüssig zu sagen, dass Donald Trumps Brachialpolitik in den Augen Girards verwerflich gewesen wäre, weil sie Machtpolitiker zur Imitation einlädt. Einen Nachahmer hat Trump ja bereits gefunden: Jair Messias Bolsonaro, Brasiliens neuen Präsidenten.

Biblische Apokalyptik oder Messianismus? Beides findet sich bei Girard, wenngleich nur in Andeutungen. Das dunkle Geheimnis der aufgeklärt-rationalistischen Moderne, schreibt er in Im Angesicht der Apokalypse, bestehe darin, dass sie wie ein Mythos operiere. "Wir versteifen uns darauf, die Katastrophe nicht sehen zu wollen. (...) Je wahrscheinlicher das Ende wird, desto weniger spricht man darüber." Moderne Gesellschaften glaubten, sie hätten ewig Zeit; tatsächlich aber sei die Weltzeit befristet. Darum sei es ein heilsamer Schock, wenn sich die Zivilisation im Licht der biblischen Apokalyptik ihren Untergang vorstellt und so zur Besinnung kommt. Eine andere Politik beginnt, sobald wir "unsere mimetische Natur" anerkennen, sobald wir uns "von ihr befreien" und die Hand zur Versöhnung ausstrecken. Allerdings, in einer vom Nationalismus zerrissenen Weltgesellschaft sind die Aussichten dafür bescheiden. Nun sind es nur noch die Religionen, die die messianische Spannung zu einer befriedeten Zukunft aufrechterhalten. "Der Katholizismus ist die letzte Internationale."

Korrekturhinweis: Aus Gründen der Aktualität haben wir den ersten Absatz leicht angepasst.