7.45 Uhr Hamburger Hauptbahnhof, zwei Grad, hundert Jugendliche. Rote Nasen, tief in das Gesicht gezogene Mützen. Die Schüler und Schülerinnen aus Gymnasien, Gesamtschulen, Waldorfschulen haben bunt bemalte Banner dabei. Jan Ole, 16, sammelt das Busgeld ein. Einmal Demo, Hamburg–Berlin und zurück. "Zehn Euro, bitte."

8.15 Uhr Jan Ole, der Gründer des Ablegers von "Fridays For Future" im Kreis Pinneberg, hat tagelang die Demo-Fahrt organisiert. Eine Reihe weiter sitzt Mitorganisator Sascha, 24, Physikstudent. Wichtiges Gesprächsthema: Welche Socken wärmen an kalten Demonstrationstagen am besten? Noch 289 Kilometer bis nach Berlin. Ein Mädchen sagt: Ihr doch egal, was die Lehrer darüber denken, dass sie gerade den Unterricht schwänzt: "Ich bin rebellisch, weil es um meine Zukunft geht." Jan Ole geht auf eine Waldorfschule. "Dort sind alle ziemlich sensibel, wenn es um die Umwelt geht." Die paar Fehlstunden wegen einer Demo, "das macht doch nix".

9.35 Uhr Alle wischen über ihre Smartphones, nichts geht ohne WhatsApp. In den Demo-Gruppen, die die Schüler eingerichtet haben, halten sie sich auf dem Laufenden. "Kevin Kühnert tritt gleich auf", sagt Jan Ole. Strahlende Augen. Die rasante Kommunikation hat die Bewegung vergrößert, glaubt er. Die nächste Nachricht ploppt auf, Bremer Ortsgruppe, der Reifen des Busses ist geplatzt. "Mist." Immerhin: 2.225 Instagram-Follower haben die Story der deutschen Fridays-For-Future-Seite angeschaut. "Wir werden weiter wachsen", sagt Jan Ole, "aber wir müssen aufpassen. Unsere Bewegung kann sich auflösen, wenn wir uns nicht gut organisieren."

10.20 Uhr Viele sind das erste Mal auf einer Demo. Leon, 16, durfte letzte Woche nicht mit, heute haben ihm seine Eltern eine Einverständniserklärung unterzeichnet. "Ich bin normalerweise nicht so politisch und lasse mich mal überraschen", sagt er.

10.40 Uhr Vertreter von Fridays For Future dürfen in Berlin mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier sprechen. "Wenn ich mit ihm sprechen könnte, würde ich ihn fragen, ob er uns eine so verschmutzte Welt hinterlassen will", sagt Sascha. Auch der Busfahrer schaltet sich in das Gespräch ein: "Braunkohle muss weg", sagt er.

11.25 Uhr Hinten im Bus wird über Wasserwerfer diskutiert. "Die werden auf Schülerdemos nicht eingesetzt", weiß Ronja. Ihr Schulleiter halte nichts von den Protesten, "aber wenn nicht jetzt, wann dann". Wie politisch ist diese Generation? "Schon etwas, aber nicht so stark wie die 68er-Bewegung", meint Yuri. Viele interessierten sich nicht für den Klimawandel. "Sie glauben, das sei nicht ihr Problem", sagt Ronja. Aber Greta Thunberg, die demonstrierende Schwedin? "Ein echtes Vorbild."

12.15 Uhr Ankunft Berlin, nahe der Mauergedenkstätte. Minus drei Grad. Jan Ole gibt einem Radiosender ein Interview. Letzte Plakate werden auf Holzstiele montiert. Yuri, zum ersten Mal auf einer Großdemo, sagt: "Ich bin etwas aufgeregt und frage mich, was für Parolen gerufen werden." Ein Mädchen läuft vorbei, "Fuck Nazis" steht auf ihrem Shirt.

13.15 Uhr Tausende Jugendliche ziehen vom Bundeswirtschaftsministerium Richtung Bundeskanzleramt. Die Parolen: "Keine Kohle für die Kohle!" Und: "Hopp, hopp, hopp – Kohlestopp!" Man komme sich in solch einer großen Masse wichtiger und präsenter vor, sagt Yuri. "Weil wir etwas bewirken", ergänzt Rona. Anwohner applaudieren den Schülern. Franca ist begeistert: "Das fühlt sich toll an." In vielen Schulen wurden heute die Zeugnisse verteilt. "Die holen wir uns am Montag ab", sagt Lene.