Einhundert Kerzen haben gewirkt – vorerst zumindest: Als Mitarbeiter der Ausländerbehörde Anfang Januar vor der evangelischen Luther-Gemeinde in Solingen bei Düsseldorf vorfuhren, waren die Gemeindemitglieder und ihr Pfarrer vorbereitet. Mit der Kerze in der Hand verweigerten sie den Beamten den Zutritt zum Grundstück und schützten so einen Iraner vor der Abschiebung nach Frankreich. Seit Monaten gewähren die Solinger dem 28 Jahre alten Mann, der zum Christentum konvertiert ist, Kirchenasyl. Das Ausländeramt gab nach und fuhr erst einmal wieder davon. Konfrontationen dieser Art häufen sich momentan in Deutschland: Immer öfter treffen die christliche Nächstenliebe und der Rechtsstaat mit seinen Verwaltungsvorgängen und Abschiebeverfügungen aufeinander. Im Sommer 2018 zählten die Behörden rund 550 laufende Kirchenasyl-Verfahren.

Mit den Debatten über die Flüchtlingspolitik und die Zahl der Asylbewerber, die abgeschoben werden sollen, ist auch eine deutsche Institution in die Diskussion geraten: Der Umgang mit dem Kirchenasyl wird von Politik und Behörden verstärkt infrage gestellt. In Rheinland-Pfalz ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen fünf Pfarrerinnen und Pfarrer, in Bayern bekamen 19 protestantische Geistliche Post von den Strafverfolgern. Der Vorwurf: Beihilfe zum unerlaubten Aufenthalt.

Festgeschrieben ist ein besonderes Recht auf Kirchenasyl in Deutschland nicht. Es hat sich eher seit mehreren Jahrzehnten eine eigene Praxis in der Grauzone etabliert: Der Staat respektiert bisher die besondere Würde von Kirchenmauern und greift nicht zu hart durch. Die Kirchen begründen jeden Fall mit einem längeren Härtefall-Dossier, das zuständige Bundesamt prüft noch einmal. Dieses Vorgehen hat sich sukzessive eingespielt, seit vor 35 Jahren eine evangelische Gemeinde in Berlin drei palästinensischen Familien Schutz vor der Abschiebung gewährte. Der Fall gilt als erstes dokumentiertes Kirchenasyl in der Bundesrepublik.

Bilder von Polizisten in Schutzausrüstung, die Menschen mit Gewalt aus den Kirchenportalen heraustragen, sind in Deutschland bisher nicht üblich. Zuletzt aber wurden die Bedingungen für den kirchlichen Schutz auf anderem Weg erschwert – per Verordnung aus dem Innenministerium von Horst Seehofer. Mit einem Erlass aus dem Sommer 2018 hat der CSU-Minister die aufschiebende Wirkung von Kirchenasyl deutlich abgeschwächt. Bisher reichten sechs Monate in Kirchenobhut aus, um einen Flüchtling vor der Abschiebung in ein anderes EU-Land zu bewahren. Seehofer hat die schützende Frist für sogenannte Dublin-III-Fälle nun auf bis zu anderthalb Jahre verlängert. Davon betroffen ist der allergrößte Teil der Asylbewerber, die in Gemeinden beherbergt werden: In rund 90 Prozent der Fälle, in denen Gemeinden ihre Hilfe anbieten, geht es um Dublin-Abschiebungen. Das heißt: Ein Asylbewerber soll in das Land abgeschoben werden, in dem er zuerst die EU betreten hat. Nach den EU-Regeln ist dieses Land für das weitere Verfahren zuständig.

Im Bundesinnenministerium stört man sich schon länger an dem kirchlichen Schutz für Dublin-Fälle: "Es ist nicht akzeptabel, dass das Kirchenasyl – anstatt für persönliche Härtefälle – exzessiv als Verhinderung von Rücküberstellungen in systemisch unbedenkliche Mitgliedsstaaten wie Frankreich oder Schweden ausgenutzt wird", zitiert die Katholische Nachrichten-Agentur KNA eine Ministeriumssprecherin. Vor allem vonseiten der CDU und CSU nimmt die Kritik an den Kirchen zu. Sie könnten nicht für sich beanspruchen, in dieser Frage über dem Recht zu stehen, sagte etwa die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, als sie noch Generalsekretärin war. Auch der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte den Kirchen vorgeworfen, ihnen fehle die Einsicht, "dass beides dazugehört: Bleibendürfen und Gehenmüssen". Beim Kirchenasyl könne es nicht darum gehen, europäische Fristen verstreichen zu lassen – sodass nicht ein Nachbarland, sondern Deutschland zuständig bleibe. Reinhard Kardinal Marx hielt zuletzt dagegen, er bedaure, dass es nun zusätzliche Hürden gebe, "die zulasten der betroffenen Menschen gehen". Die Kirchen pochen darauf, sich allein für Härtefälle einzusetzen – und den Betroffenen die nötige Zeit zu sichern, in der ihr Verfahren auf rechtliche Fehler überprüft werden kann. Beide großen Kirchen hoffen jetzt darauf, in Gesprächen mit der Regierung doch noch eine Rückkehr zu den bisherigen Regeln zu erreichen.

Im Solinger Fall des 28-jährigen Iraners ist noch offen, wie weit die Behörden gehen werden. Bisher hätten die Ausländerämter in Nordrhein-Westfalen meist umsichtig gehandelt, heißt es aus der evangelischen Kirche. Das zuständige Ausländeramt hat jedoch schon angekündigt, wiederzukommen – diesmal wohl mit einem Durchsuchungsbeschluss für die Gemeinderäume.