Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Amat ist anderthalb. Sein Vater, der sechs Monate nach der Geburt seines Sohnes ins Gefängnis kam, ruft jeden Abend um acht an und erzählt ihm das Märchen vom kranken Elefanten. Dann gibt Amat dem Foto seines Papas einen Luftkuss und schläft ein. Solange sein Vater in Madrid einsaß, fuhr er jede Woche mit der Mutter 650 Kilometer hin und zurück. Im Zug zwischen Barcelona und Madrid lernte er laufen.

Als wir uns trafen, war er auf dem Schoß seiner Mutter Txell Bonet unterwegs zur JVA Lledoners in Katalonien, wohin sein Vater jüngst verlegt worden war. Die Eisentüren öffneten sich, man führte uns in einen Raum, der wie ein leeres Aquarium aussah. Kurz darauf tauchte hinter der Glasscheibe mit breitem Lächeln das bärtige Gesicht von Jordi Cuixart auf. Zur Begrüßung legten erst Vater und Sohn, dann die Ehepartner die Handflächen an die Scheibe.

Der Unternehmer Jordi Cuixart, 43, ist Vorsitzender der 1961 gegründeten katalanischen Kulturstiftung Òmnium Cultural. Zwei Wochen nach dem Unabhängigkeitsreferendum vom Oktober 2017 wurde er gemeinsam mit sieben Politikern verhaftet. Ein Jahr mussten sie auf die Anklageschrift warten. Im vergangenen November wurde dann gegen 18 katalanische Aktivisten wegen "Aufstand und Anstiftung zum Aufstand" Anklage erhoben, 17 bis 25 Jahre sollen sie nach Meinung der Staatsanwaltschaft hinter Gitter.

Nach 16 Monaten Haft erwartet Cuixart diese Woche die erste Verhandlung. Für mich war es eine bittere Überraschung, ihn hinter dem Glas zu sehen. Vor drei Jahren saß ich wegen ähnlicher Anschuldigungen in Istanbul im Glaskäfig. Cuixarts Geschichte ließ mich auch an den Unternehmer und NGO-Pionier Osman Kavala denken, der seit über einem Jahr ohne Anklage in der Türkei in Haft sitzt, weil er angeblich die Gezi-Proteste initiiert hat. Mit dem Unterschied, dass die Türkei ein repressives Regime mit negativer Menschenrechtsbilanz ist, Spanien aber ein demokratisches EU-Mitglied. Leider schwieg die EU zu der Rechtsverletzung.

"Aber die Katalanen ...", wird man einwenden. Doch deren Unabhängigkeit steht hier nicht zur Diskussion, es geht um Rechtsstaatlichkeit. Sie dient nicht zur Zierde, wenn alles glattläuft, sie ist Feuerwehr dort, wo es brennt, und dafür da, das Recht ebenjener zu schützen, über die wir sagen: "Aber die ..." Was Europa zusammenhält, ist der Vorrang des Gesetzes. Wie kann es sein, dass man in einem Land der EU ein Jahr ohne Anklage, ohne vor den Richter getreten zu sein, im Gefängnis sitzt? Wie kann man zulassen, dass Putin und Erdoğan auf diese Weise die Chance haben, zu sagen: "Sehen Sie, Dinge wie bei uns kommen auch in Europa vor"?

Beim Abschied haucht Cuixart auf die Scheibe und zeichnet ein Herz für Amat. Zu mir sagt er: "Der Preis ist hoch, aber ich bin in Haft, damit mein Sohn und seine Generation in Freiheit leben können. Er wird später einmal stolz auf seinen Vater sein."

Ich weiß nicht, ob Europa an einem Referendum über die katalanische Unabhängigkeit zerbrechen kann. Doch es wird zerbrechen, wenn es Rechte missachtet.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe