Grenzwerte sind keine Naturkonstanten. Sie werden von Menschen gemacht. Wie, das hängt von technischer Entwicklung und wissenschaftlichem Erkenntnisstand ab, von den in der gesellschaftlichen Diskussion ausgehandelten Prioritäten – und von politischen Entscheidungen.

Grenzwerte werden auch von wirtschaftlichen Interessen beeinflusst. Vielleicht können Forscherinnen und Forscher zeigen, dass Bluthochdruck gefährlicher ist als bisher gedacht. Senkt man den Wert, ab dem Hochdruck als behandlungsbedürftig gilt, steigt damit schlagartig die Zahl der Patienten und die Menge verschriebener Medikamente. Ebenso werden Grenzwerte von politischen Zielen mitbestimmt. So hieß es vor jeder Verschärfung der Regeln für Industrieabgase: Wirtschaftswachstum oder Luftreinhaltung?

Grenzwerte sind das Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Abwägung. Wie sauber sollen Luft oder Wasser, wie unbelastet Böden und Erntefrüchte sein? Welcher Aufwand ist dafür zumutbar, und wer zahlt ihn? Eine Debatte ist also nicht nur richtig, sie ist notwendig. Wie der beständige Zweifel zur Wissenschaft gehört, müssen auch die Argumente für und wider bestimmte Grenzwerte immer wieder neu geprüft werden.

Der aktuelle Streit, angestoßen von vier Autoren um den Lungenfacharzt Dieter Köhler, liefert aber wenig Neues und viel Falsches. Köhlers wichtigstes Argument: Der Grenzwert für Stickstoffdioxid (NO₂) sei völlig willkürlich definiert und in seiner Strenge medizinisch nicht begründbar.

Nun liefert Wissenschaft selten klar definierte und widerspruchsfrei begründete Grenzwerte (Was Studien dazu bisher zeigen und was nicht, lesen Sie hier). Für die gesundheitsverträgliche Höchstmenge von NO₂ in der Atemluft hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Richtwert vorgeschlagen (publiziert im Jahr 2000 in ihren Luftgüteleitlinien für die Europäische Region). Es waren Politiker, die aus diesen 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft in der Richtlinie 1999/30/EG einen europäischen Grenzwert gemacht haben – und damit geltendes Recht. Am 21. Mai 2008 wurde der Grenzwert noch einmal bestätigt (Richtlinie 2008/50/EG). Zur Umsetzung durften die Staaten in Ausnahmefällen eine Fristverlängerung beantragen. Für NO₂ endete diese 2015.

Grenzwerte sollen Mensch und Umwelt schützen. Nun können Personen wie Ökosysteme sehr verschieden sein. Da hängt die Gefährlichkeit einer Substanz nicht nur von ihrer Menge ab. Eine Dosis, die etwa für einen erwachsenen gesunden Menschen kein Problem darstellt, kann für ein Kleinkind, einen Kranken oder Alten im Extremfall lebensbedrohlich sein. Auch die Dauer der Belastung spielt eine wichtige Rolle. Schließlich ist noch zu unterscheiden, ob sich jemand freiwillig einem Risiko aussetzt oder ob er vor einer Gefahr zu schützen ist, der er nicht entgehen kann. Darum gibt es unterschiedliche Grenzwerte für Innen- und Außenräume, für den Arbeitsplatz und für das Alltagsleben.

Allerdings gibt es in der Diskussion um Stickoxide, Feinstaub und Co. nur ein plausibles politisches Ziel: möglichst saubere Luft.

Alle einzelnen Schadstoffe regulieren zu wollen, stellt die Politik vor ein unlösbares Problem: Luft ist ein Gemisch. Saubere Luft besteht zu 78,08 Prozent aus Stickstoff und zu 20,95 Prozent aus Sauerstoff. Schon Argon, der dritthäufigste Bestandteil, stellt weniger als ein Prozent Volumenanteil.