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Die meisten Istanbul-Reisenden haben in einer Taverne am Bosporus oder in Beyoğlu schon einmal Raki gekostet. Heute geht die Zahl dieser Kneipen drastisch zurück. Der Anisschnaps wird zu einem teuren, nicht leicht zu erringenden Vergnügen.

Die Türkei begrüßte den Neujahrstag 2019 mit einer weiteren Preissteigerung für Alkoholika um 13,5 Prozent. Eine 0,7-Liter-Flasche Raki, bei Regierungsantritt der AKP für 7 Lira (circa 1 Euro) verkauft, kostet inzwischen 142,50 Lira (circa 23 Euro). Fast 80 Prozent davon gehen als Steuern an den Staat. Was vier Personen in einer Taverne für Speis und Trank zahlen, entspricht nun beinahe einer Durchschnittsmiete. Die drastischen Erhöhungen etwa alle sechs Monate und die in den letzten fünf Jahren verdreifachten Preise versetzten der Raki-Kultur in den Kneipen einen Schlag. Die Tafeln wurden schmaler, die Meze-Beilagen weniger, das Kundenprofil veränderte sich.

Es sind aber nicht die Preiserhöhungen allein. Seit Langem bekämpft die Regierung Alkoholika. 2013 wurde per Gesetzesänderung Werbung für alkoholische Produkte beschränkt und Alkoholausschank nach 22 Uhr verboten. Fernsehserien dürfen Spirituosen nur unscharf zeigen und praktisch nicht erwähnen. Im letzten Sommer verstand der Zuschauer einer Serie die Frage des Galans an seine Geliebte, ob sie Wein möchte, nicht, weil das Wort Wein zensiert worden war. Die Reaktion der jungen Frau lautete denn auch: "Nein, danke, gegorene Getränke vertrage ich nicht."

Vorreiter der Anti-Alkohol-Kampagne ist natürlich Präsident Erdoğan. Neulich attackierte er ohne Namensnennung den Republikgründer Atatürk: "In den Geschichtsbüchern seht ihr Kinder, denen Bierflaschen in die Hände gedrückt wurden. So etwas gab es in diesem Land! Man zwang sie." Auf dem Foto trinkt Atatürk Bier, das Kind auf seinem Schoß ein Malzgetränk, das damals als nährstoffreich galt.

Wird in der Türkei tatsächlich so ausufernd getrunken, dass solche Maßnahmen erforderlich wären? Im Gegenteil. Laut OECD-Bericht ging der Alkoholkonsum von 1980 bis 2010 um 17 Prozent zurück. Mit einem jährlichen Durchschnittskonsum von 2,0 Litern bildet die Türkei gemeinsam mit Aserbaidschan sogar das Schlusslicht der Länder mit geringem Alkoholverbrauch. Aufgrund von Verordnungen, Preissteigerungen und Beschränkungen sank der Konsum weiter. Die Raki-Produktion fiel von etwa 50 Millionen Litern 2010 unter 35 Millionen. Auch die Wein- und Bierproduktion ging zurück. Den Schaden des nächtlichen Spirituosenverkaufsverbots haben die Einzelhändler, der Schwarzmarkt dagegen blüht auf, und Meldungen von heimischer Raki-Herstellung und Todesfällen durch gepanschten Raki häufen sich.

All dies ist Teil der seit zehn Jahren überall zu beobachtenden Kampagne mit dem Ziel, die Türkei konservativer zu machen. In zahllosen anatolischen Städten ist es heute schwierig, Gaststätten mit Alkoholausschank zu finden und in der Öffentlichkeit zu trinken. Der jahrhundertealten Kneipenkultur Istanbuls geht die Luft aus. Die Tische draußen werden hereingeholt. Die Tavernen von Beyoğlu weichen Shisha-Bars, Luxusboutiquen und Handyläden. Der Raki überlässt seinen Thron Bier und Tee.

Die Türkei tritt in eine neue Ära ein, in der Spirituosenliebhaber ihre Alkoholika zu Hause herstellen und konsumieren.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe