Sozialpolitik lässt sich am besten über Beispiele verkaufen. Das weiß Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, der am vergangenen Wochenende seine Ideen für eine neue Grundrente vorstellte. In einem dreiseitigen Konzeptpapier schildert er das Beispiel einer Friseurin. Die habe 40 Jahre lang Vollzeit gearbeitet und immer in Höhe des Mindestlohns verdient. Nach dem heute geltenden Recht bekäme sie dafür bloß 512 Euro Rente im Monat. Das ist weniger, als einem Hartz-IV-Empfänger für Leben und Wohnen zusteht.

Würde hingegen die neue Grundrente des Ministers eingeführt, erhielte die Friseurin deutlich mehr Ruhegeld: nämlich 961 Euro. Ihre Rente hätte sich demnach beinahe verdoppelt. Das sei eine Frage der Gerechtigkeit und des Respekts, erklärt der Minister. Finanzieren solle das der Steuerzahler.

Nach der Riester- und der Rürup-Rente kommt also womöglich bald die Heil-Rente. Zwischen drei und vier Millionen Menschen könnten von ihr profitieren, schätzt der Minister. Sie käme nicht nur zukünftigen Rentnern zugute, sondern auch Menschen, die sich jetzt schon im Ruhestand befinden. Sie könnten im Einzelfall von einem Tag auf den anderen fast doppelt so viel Geld erhalten wie bislang. Die Kosten dafür lägen bei einem mittleren einstelligen Milliardenbetrag. Das sei ein "Kraftakt", gibt Heil zu, aber der sei nötig. Es gehe schließlich um den "Schutz vor Altersarmut" und die "Anerkennung der Lebensleistung".

In ersten Reaktionen begrüßten der Deutsche Gewerkschaftsbund und der Sozialverband VdK die Pläne. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände dagegen kritisierte, die Zahlen in dem Beispiel seien falsch (die Friseurin käme bei 38 Wochenstunden auf 600 Euro Rente), und die Grundrente schaffe neue Ungerechtigkeiten. Doch entscheidend für die Frage, was aus den Plänen des SPD-Politikers wird, ist die Reaktion des Koalitionspartners. Und auch aus dessen Reihen gibt es viel Kritik. Der wichtigste Einwand lautet, das Geld werde bei Heils Konzept zu breit verteilt, es lande keineswegs nur bei den Armen. Deshalb werde es sehr teuer. So äußern sich etwa der CDU-Arbeitsmarktexperte Peter Weiß und der Thüringer CDU-Chef Mike Mohring.

Nach Heils Vorstellung bekäme die Grundrente automatisch ausgezahlt, wer zwei Bedingungen erfüllte: Erstens muss man mindestens 35 Jahre gearbeitet, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt haben. Es zählen die im Rentenkonto verbuchten, offiziell anerkannten Zeiten. Zweitens muss der reguläre Rentenanspruch unter rund 900 Euro liegen.

Ist beides erfüllt, würde die Rente nach einem komplizierten Schema individuell angehoben. Am Ende, betont Heil, wäre sichergestellt, dass diejenigen, die immer zum Mindestlohn in Vollzeit gearbeitet haben, besser dastehen als Menschen, die nie erwerbstätig waren. Die ehemaligen Arbeitnehmer bekämen mehr als nur die Grundsicherung im Alter, die jedem zustehe. Die beträgt etwa 800 Euro, der genaue Betrag hängt von den Wohnkosten ab.

Das ist die Kernidee der Grundrente: Arbeit soll sich auszahlen. Dieses Ziel findet auch die Union richtig. Im Koalitionsvertrag hatte sie die Grundrente deshalb schon vor einem Jahr mit der SPD vereinbart. Auch unter diesem Namen. Allerdings mit einem Unterschied: Erhalten sollte sie nur, wer wirklich bedürftig ist. Das müsse immer geprüft werden, vereinbarten die Koalitionspartner damals. Heil sieht das nun anders, wie er in einem Interview mit der Bild am Sonntag verkündete. Eine Bedürfnisprüfung sei "respektlos", die Grundrente sei "kein Almosen" .