Sie hat sie so satt, diese alten Typen in der Partei, die sie behandeln, als sei sie ein kleines Mädchen. Die sich ihr gegenüber Sachen rausnehmen, die sie sich bei keinem Mann trauen würden. Diese politischen Urzeit-Gorillas, die es immer noch nicht wahrhaben wollen, dass jetzt eine Frau die SPD führt. Und schon gar nicht, dass sie diese Frau ist, Andrea Nahles.

November 2018. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat mit großem Tamtam zur Feier des 20. Jahrestages der rot-grünen Bundesregierung geladen. Auf dem Podium suhlen sich zwei schwer von sich Überzeugte in ihrer Herrlichkeit: Gerhard Schröder und Jürgen Trittin. Der eine war einmal Kanzler, der andere Umweltminister, es ist schon eine Weile her. Vom Koch SPD und vom Kellner Grüne könne nun, anders als damals, nicht mehr die Rede sein, ätzt Schröder, das Gasthaus sei ja leer. Seine Reformpolitik der Agenda 2010, von der man sich nun verabschieden wolle, sei übrigens einst mit 90 Prozent Zustimmung verabschiedet worden. "Mancher in der SPD-Führung wäre heute sehr zufrieden, wenn er ähnliche Ergebnisse vorzeigen könnte." Nahles hatte bei ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden 66 Prozent erhalten.

Andrea Nahles sitzt in der ersten Reihe und wird mit jedem Satz blasser. Sie kann gar nicht anders, als diesen Schröder-Auftritt als das zu verstehen, was er ist: eine Frechheit. Das sieht man ihr an, schauspielern kann sie nicht. Als SPD-Chefin hatte sie der Veranstaltung zugestimmt. Einem Ex-Kanzler, der wegen seiner Gazprom-Verstrickung bei den eigenen Leuten in Verschiss ist, bietet sie noch mal eine große Bühne – und dann würgt der ihr eine nach der anderen rein. Geht’s noch?

Nahles schluckt gerade ihre Wut und ihre Empörung über Schröders Unverschämtheit runter, als im Publikum ein älterer Sozialdemokrat aufsteht und Schröder fragt, wann er wieder für die SPD antrete. Und dann kommt bei Nahles ein Satz an, leise gesprochen, aber laut genug, dass sie es mitbekommt: "Das Weib da vorne muss weg." Nahles zuckt. Sie weiß ja, dass das Gemurre über eine Frau an der Spitze in der SPD latent immer da ist. Aber: "Das Weib da vorne muss weg"?

Schröder hat inzwischen noch einmal nachgelegt. Im Spiegel warf er Nahles am vorigen Wochenende per Interview Amateurfehler vor, meinte, dass ein SPD-Kanzlerkandidat zwingend Kompetenz in Wirtschaftsfragen besitzen müsse, und urteilte, nicht einmal Nahles selbst würde behaupten, dass sie welche hätte. Ein Ex-SPD-Chef, der einer Nachfolgerin die Fähigkeit abspricht, Kanzlerin werden zu können – so was gab es selbst in der SPD noch nie.

Nahles ist mit Schröder so durch, dass sie auf die neue Unverschämtheit auch auf Nachfrage nicht einmal mehr reagieren will. Er kann sie mal.

Schröder kann sich solche Auftritte erlauben, weil er zwar als SPD-Vorsitzender einst gescheitert ist, im Scheitern aber weitaus bessere Ergebnisse erzielte als die 14 Prozent, bei denen die Nahles-SPD seit Monaten eingefroren ist. Ähnliches gilt für seine Nachfolger Sigmar Gabriel und Martin Schulz. Die Verlierer von gestern können deshalb als Chefkritiker von heute auftreten, ohne dass sie dafür von den eigenen Leuten abgestraft werden.

Andrea Nahles ist von allen Politikern wohl diejenige, bei der der Kontrast zwischen öffentlichem Bild und persönlicher Erfahrung am größten ist. Als sie 2013 ins Kabinett kam, galt sie beim Koalitionspartner als ziemlich anstrengend. Doch je länger die CDU-Leute mit der SPD-Frau zusammenarbeiteten, desto höher stieg die Wertschätzung. Selbst der strenge Wolfgang Schäuble lobte Nahles’ Sachkenntnis und Verlässlichkeit.

Nahles, sagt ein anderer aus der heutigen Unionsspitze kopfschüttelnd, sei doch "die totale Sozialdemokratin". Sie habe sich hochgearbeitet aus einfachen Verhältnissen, sei Expertin für das ur-sozialdemokratische Thema Arbeit, habe sich durchgesetzt als Rote in der tiefschwarzen Eifel, als Frau in einer Männerwelt. Und was macht die SPD? Himmelt einen Juso-Chef ohne Berufserfahrung an.

Wie erlebt sie das alles? Wie nimmt Andrea Nahles die Welt wahr, die da auf sie einstürzt? Und wie hält sie das aus, die Häme, den Frust, den Misserfolg? Im Gespräch redet sie von den vergangenen zehn Monaten als permanentem Ausnahmezustand, härter als alles, was sie bisher durchgemacht habe. Doch sie sagt auch: "In der Politik kann man mich verletzen – aber nicht erschüttern."