Ojemine: Es wurde mal wieder eine Bastion der Aufklärung geschändet. So könnte es einen zumindest gruseln, nähme man die aktuelle Aufregung um die Verleihung des Karl-Valentin-Ordens für voll, der dem österreichischen Pop-Schlagersänger Andreas Gabalier am vergangenen Samstag umgehängt wurde. Gabalier, das sei ja wohl ein Rechter, hieß es, ein Nazi gar, zumindest aber doch jemand mit Weltbild aus der Nachkriegszeit, was dann ja, könnte man einwenden, immerhin gut zu Valentin passen würde, der schließlich in dieser Nachkriegszeit, zumindest ein bisschen noch, selbst gelebt hat. Da Valentin jedoch als progressiver Kopf gilt, als jemand, der nach der Münchner Räterepublik mit seinem Kumpel Brecht durch Kneipen und Theatersäle tingelte und die Reaktion verhöhnte, sahen viele seinen Namen nun durch den Preisträger Gabalier, diesen Rechten, einen Nazi gar (siehe oben), ehrabschneidend besprenkelt.

In diesem Sinne jedoch hätte Valentin, das sei hier der Redlichkeit halber angemerkt, sich bereits vor einigen Jahrzehnten im Grab umdrehen können, denn überreicht wurde der Preis in der Vergangenheit unter anderem bereits an Günther Beckstein und an Franz Josef Strauß, die ja nicht eben dafür berühmt sind, die Fahne der Revolution vor sich herzutragen.

Wie dem auch sei: Der Empörung über die Auszeichnung Gabaliers folgte die Gegenempörung jener, die Meinungs- und Kunstfreiheit gerne von "linksradikalen Kräften" bedroht sehen, wobei "linksradikale Kräfte" natürlich meist handelsübliche Linksliberale oder grüne Provinzpolitiker meint. Im Falle Gabaliers etwa den Kabarettisten Holger Paetz, der sich gegen die Auszeichnung aussprach.

Der österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache, mit traditionellem Liedgut noch aus seiner Zeit bei der Wikingjugend vertraut, sah darin pathologischen "Hass gegenüber andersdenkenden Kunstschaffenden", und auch der Verleiher des Preises, ein lokaler Faschingsverein, parierte die erhobenen Vorwürfe mit einem pointierten "I wo, stimmt ja gar nicht!". Man wolle mit dem entsprechend benamsten Orden doch bloß die "humorvollste bzw. hintergründigste Bemerkung im Sinne von Karl Valentin" prämieren, und, na klar, wer käme da besser in Betracht als der Aphoristiker Gabalier, dessen erfolgreichste Liedzeile (128 Millionen Aufrufe bei YouTube) doch immerhin "Hodi odi ohh di ho di eh" lautet.

Weite Teile der medialen Diskussion über Gabaliers Nazihaftigkeit (Isser’s? Isser’s nicht?) kreisten derweil munter darum, ob er vor einigen Jahren auf einem Albumcover absichtlich seinen Körper so verrenkt habe, dass es an ein Hakenkreuz erinnere. Tatsächlich zeigt ihn, krachledern eingekleidet, das Cover in recht harmloser Tänzerpose, wie man sie auch von anderen, unverdächtigen Künstlern kennt, und so erinnert dieser Teil der Debatte denn ein wenig an die doch etwas peinliche Fantasie eines Günter Wallraff, der vor 15 Jahren relativ schamfrei in Talkshows behauptet hatte, die "18 Prozent"-Kampagne von Westerwelles FDP solle gezielt Neonazis ansprechen (weil 18 für "Adolf Hitler" stehe, 1 für den ersten Buchstaben im Alphabet und so weiter).

Dabei hätte, wer sich für den Bewusstseinsstand der Popmusik interessiert, tatsächlich einige Erkenntnisse aus dem Studienobjekt Gabalier gewinnen können.