Kürzlich war ich im Aquarium des Berliner Zoos, und das ging eine ganze Weile sehr gut, und dann passierte mir etwas einigermaßen Seltsames. Zunächst driftete ich im Strom der übrigen Besucher wie eine Qualle von Becken zu Becken und begutachtete dabei wohlwollend die verschiedenen Fische, die da vor mir umherschwammen. Manche sahen aus wie kleine, leuchtend bunte Rennautos, andere, silbrige, schienen eigentlich nur im Schwarm so etwas wie sie selbst zu werden. Am meisten gefiel mir das Becken mit den Haien, die mir einen besonders präzisen Eindruck machten, es war an diesen Tieren offenbar nichts überflüssig, form meets function, perfektes, zeitgenössisches Design.

Neben dem großen, blauen Haifischbecken aber waberte mir aus einem nicht minder großen Becken grünlich-schlammiges Moderlicht entgegen. In einer trüben Brühe, welche die Wässer des Amazonas simulieren sollte, trieben wie faulende Baumstümpfe riesige, schwärzlich-braune Fische. Arapaimas, las ich, hießen die und zählten zu den größten Süßwasserfischen der Welt, zwei Meter und länger noch werden sie. Die Kreaturen wirkten metallen, wie aus Gusseisen geschmiedet, ihre Körper waren schlangenartig, die Schuppen rau und von einer irrationalen, borkenartigen Maserung durchzogen. Die Arapaimas hatten ein schnabelförmiges Maul und opake, wie von einem dicken Schimmelpelz überzogene Augen.

Während mir an den Haien sozusagen alles nachvollziehbar und schön vorgekommen war, klar verständlich, überkam mich beim Anblick der Arapaimas das unangenehme Gefühl, Ausgeburten des Zufalls gegenüberzustehen, archaischen Geschöpfen, deren Form, Sinn und Existenz mir in jeder Hinsicht unzugänglich erschienen. Dass die Dinger Arapaima hießen, Fische aus Südamerika waren, half mir überhaupt nicht weiter.

Vielleicht kennen Sie solche Zustände. Die Sprache, die Konzepte bedecken die Welt nicht mehr hinreichend. Manchmal passiert einem das, wenn man ein Wort lang genug wiederholt: "Glas, Glas, Glas", irgendwann verliert es seine Bedeutung, und auch das Bezeichnete wird dann sehr seltsam. In Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften gibt es darüber eine fantastische Stelle, über Vorstellungen und Begriffe (also zum Beispiel "Arapaima" oder "Fisch") und deren eigentliche Funktion, die Welt irgendwie bewohnbar, erträglich zu machen. "Mit großer und mannigfaltiger Kunst", schreibt Musil, "erzeugen wir eine Verblendung, mit deren Hilfe wir es zuwege bringen, neben den ungeheuerlichsten Dingen zu leben und dabei völlig ruhig zu bleiben, weil wir diese ausgefrorenen Grimassen des Weltalls als einen Tisch oder einen Stuhl, ein Schreien oder einen ausgestreckten Arm, eine Geschwindigkeit oder ein gebratenes Huhn erkennen."

Ausgefrorene Grimassen des Weltalls, das trifft den Eindruck, den die Arapaimas auf mich machten, sehr genau. Die Tiere waren mir unheimlich, sie gruselten mich, vielleicht, weil in ihnen die Ahnung steckte, dass auch ich selbst, seltsames Geschöpf Mensch, so eine Art ausgefrorene Grimasse sein dürfte.

Mit diesen Halbgefühlhalbgedanken ging ich in den letzten Tagen so ein bisschen bedrückt umher. Dann las ich gestern über den berühmten amerikanischen Schriftsteller J. D. Salinger, dessen Nachlass nun offenbar doch erscheinen soll. Ein kleiner, daraus jetzt veröffentlichter Text beinhaltet, in meiner Übersetzung, die folgende Passage: "Und durch das Fenster am Bett sah er, dass Schnee fiel, langsam, aber üppig durch das Grau, durch die Sonnenscheinlosigkeit eines späten Dezembernachmittags, und es war plötzlich: Seligkeit, reine Seligkeit, am Leben zu sein und zu schauen und gleich einzuschlafen, dem Schlaf sich zu nähern. Seligkeit."

Im Grunde, denke ich, beschreibt Salinger genau das gleiche Phänomen wie das, was ich beim Anblick der Arapaimas spürte, nur unter anderen Vorzeichen. Da liegt einer im Bett und sieht etwas im Grunde nicht sonderlich Außergewöhnliches, das Schneetreiben. Aber plötzlich schaut er es wie neu, oder eben so, als habe er keine Begriffe dafür, und fühlt die Ungeheuerlichkeit, die Größe des Ganzen, seines Daseins darin, aber eben nicht als Grimasse, sondern als ein Leuchten, als Seligkeit.

Es ist doch sehr seltsam, das Leben! Die ganze Schönheit und das ganze Grauen.