Jahrelang sank die Zahl der Auszubildenden in klassischen Lehrberufen. Nun wird das Lernen jenseits der Uni populärer.

Angelina Zeidler ist Expertin für Bier. In der Klosterbrauerei im bayerischen Andechs ist sie eine der ersten Frauen am Kessel. Daniel Rentzsch ist Meister der Illusion: Er lässt es schneien, wenn in der Dresdner Semperoper der Nussknacker getanzt wird. Roswitha Klugbauer hat ein Händchen für Altes: Sie arbeitet in der Nähe von Nürnberg daran, aus einer privaten Sammlung von 2.500 Stühlen ein Möbelmuseum zu machen.

Brauerin, Restauratorin und Videotechniker. Drei höchst unterschiedliche Berufe, die eines gemeinsam haben: Sie wirken faszinierend auf viele Menschen – und man erlangt sie durch eine Ausbildung. Sie stehen damit beispielhaft für die Trendwende in einem Land, in dem lange nur noch die akademische Bildung zu zählen schien, in dem der Anteil der Abiturienten und Studierenden jährlich stieg, während die Zahl der Lehrlinge sank.

Das ändert sich gerade: Sowohl 2017 als auch 2018 wurden wieder mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen. Und das verdankt sich nicht allein den Flüchtenden aus aller Welt, sondern auch jenen, die aus dem deutschen Bildungssystem fliehen.

Es sind, so hat das Bundesinstitut für Berufsbildung herausgefunden, meist junge Männer, die nach dem Abitur oder im Studium frustriert die Bücher zuklappen. Und manchmal ist auch eine junge Frau darunter.

Angelina Zeidler zum Beispiel, die Brauerin aus Andechs. Neun Semester hat sie studiert, glücklich war sie nie. Ihr erstes Studienfach, Wirtschaft – zu theoretisch. Das zweite, Brau- und Getränketechnologie – schon besser, aber sie scheiterte an ihrer Prüfungsangst. "Ich saß vor einer Aufgabe, die ich zwanzigmal gerechnet hatte, und das Wissen wollte einfach nicht heraus", erinnert sich die junge Frau in der blauen Arbeitsmontur. Sie verlor ihren Studienplatz und darüber fast auch die Krankenversicherung.

Aus Not schickte Angelina Zeidler Bewerbungen an zehn Brauereien. Eine ließ sie Probe arbeiten und bot ihr danach eine Lehrstelle an: im Kloster Andechs, gut 40 Kilometer südlich von München. Dass sie dort vom ersten Tag an Verantwortung übernehmen durfte, zum Beispiel für die Pipeline zum Bräustüberl, das baute sie nach all dem Uni-Theoriefrust wieder auf.

Nun darf man sich den Betrieb einer Klosterbrauerei nicht so vorstellen, dass da noch Ordensleute die Kessel anschüren. Das Erhitzen der riesigen Stahltanks nebst Energierückgewinnung erfolgt per Knopfdruck. Und unterm Kruzifix im Sudhaus sitzen inzwischen weltliche Mitarbeiter am Schaltbord.

Aber im Gegensatz zu vielen Universitäten überlässt hier keiner den Nachwuchs sich selbst. "Vor der Mündlichen hat mein Braumeister jeden Freitag eine Stunde mit mir Theorie gepaukt, zwei Monate lang", erzählt Angelina Zeidler. Dann schlüpft sie unterm Förderband durch, geht zurück zur ratternden Flaschenwaschmaschine, für die sie heute zuständig ist. Im August 2018 hat sie ihre Lehre abgeschlossen. Sie ist angekommen. Und nicht nur sie: Fast jeder dritte Azubi ihres Jahrgangs hatte Abitur, manche gar Uni-Erfahrungen.

Rund 530.000 Ausbildungsplätze wurden 2018 vergeben, 8.000 mehr als im vergangenen Jahr. Immer noch blieben 58.000 Lehrstellen unbesetzt, dennoch ist der Zuwachs bemerkenswert. Schließlich wurden Lehrberufe jahrelang stiefmütterlich behandelt. Eigentlich schon seit über drei Jahrzehnten, seit Bildungsforscher den Begriff der "Wissensgesellschaft" prägten und Bildung als eine Art Rohstoff betrachten, so wie einst Kohle oder Stahl. Allen voran die OECD diagnostizierte in Deutschland dabei stets ein Defizit an Akademikern, oft begleitet von Beispielrechnungen, die zeigen, wie sich Schul- und Hochschulbesuch in Gehalt und Jobsicherheit auszahlen.