"Manch einer, der jahrelang Schulfrust hat, weiß später die Freiheit zu schätzen, die ein Abitur eröffnet", sagt auch Andreas Gold, Professor für pädagogische Psychologie an der Universität Frankfurt. Er empfiehlt, alle Möglichkeiten des Bildungssystems zu nutzen und sich bei Lernproblemen frühzeitig beraten zu lassen. "Wenn es knirscht, muss man erst mal fragen, warum", so Gold. "Fehlt es an intellektuellen Fähigkeiten, an Motivation, Unterstützung oder schlicht an Lernstrategien?"

Ähnlich sieht das der Erziehungswissenschaftler Christian Fischer von der Uni Münster. Eine Lehre zu machen findet er trotzdem eine gute Idee, weil die klassischen Schul- und Hochschullaufbahn seiner Meinung nach einseitig intellektuelle Begabungen abrufe. "Praktiker kommen da schnell unter die Räder, oder sie entdecken im Studium, dass ihr Potenzial eigentlich ganz woanders liegt."

Daniel Rentzsch hatte Glück. An seinem Gymnasium im sächsischen Radebeul gab es einen Theater-Grundkurs. "Einer von uns musste sich um die Technik kümmern", sagt Rentzsch. Er hatte so viel Spaß dabei, dass er sich entschied, einen Beruf daraus zu machen und eine Ausbildung als "Mediengestalter für Bild und Ton" bei einer Film- und Fernsehproduktionsfirma in Dresden begann. Keine Selbstverständlichkeit, denn während etwa Fleischer- und Bäckerlehrlinge gesucht werden, kommen in diesem Bereich auf einen Platz im Schnitt fast zwei Bewerber. Die Ausbildung ist so begehrt, weil man damit nicht nur Tontechniker oder Kameramann werden kann, sondern auch lernt, Webseiten zu gestalten und Musikvideos zu produzieren.

Doch Daniel Rentzsch hatte anderes vor. Zwei Jahre nach seinem Abschluss saß er an seinem Traumarbeitsplatz. In einem Kämmerchen, ganz hinten im Zuschauerraum der Semperoper, direkt unter der Königsloge. Hier zaubert er Blitze und Wolken an den Himmel von Richard Wagners Fliegendem Holländer. Er ist auch öfter unterwegs. Wenn er erzählt, wie er den neuesten Videotrends hinterherspürt, sich in jedem Theater Deutschlands in Aufführungen setzt und mit Kollegen über Bühneneffekte diskutiert, erinnert das an die Zeiten, als Gesellen nach der Lehre noch auf die Walz gingen.

Das passiert heute nur noch selten. Auch deshalb gerieten Lehrberufe ins Hintertreffen gegenüber dem Studium, das mit Austauschsemestern und Auslandspraktika immer bunter wurde. Inzwischen versucht die Politik dem entgegenzusteuern, indem sie Weiterbildung nach der Lehre erleichtert und dafür sorgt, "dass die praktische Ausbildung und das theoretische Studium immer enger zusammenwachsen", wie Bundesbildungsministerin Anja Karliczek erst jüngst im ZEIT-Interview betonte. Tatsächlich ist das Bildungssystem durchlässiger denn je. Es gibt tausend Wege, nach der Lehre weiterzumachen. Man muss nur einen finden.

Roswitha Klugbauer wollte immer schon mit edlen Materialien arbeiten, am liebsten mit alten. Nach der mittleren Reife machte sie eine Ausbildung zur Raumausstatterin: Sie lernte, Sessel zu polstern, Vorhänge zu nähen und Wände mit Stoffen zu bespannen. Das war Anfang der Neunzigerjahre, dummerweise genau die Zeit, als der Beruf des Restaurators akademisch wurde. Handwerker werden zwar noch gebraucht, wenn Biedermeiersofas durchhängen. In den Museen jedoch dominieren seither Restauratoren mit Studium.

Klugbauer hätte nun zurück an die Schule gehen können oder ihren Meister machen, um danach ein Studium ohne Abitur antreten zu können. Doch erst kam die Liebe dazwischen, dann ein Kind und eine Trennung. Für die Raumausstatterin begann eine Zeit des Ausprobierens, die erst endete, als sie sich auf einer Akademie im Münsterland bewarb. Dort werden Handwerker in einer nebenberuflichen Fortbildung eineinhalb Jahre lang in Kunstgeschichte und Konservierung unterrichtet. Statt des Meisterbriefs reichte sie Fotos von Sesseln und Sofas ein, die sie restauriert hatte – und hatte Erfolg.

Heute arbeitet sie in Reichenschwand bei Nürnberg und plant mit ihrem Chef ein Museum für 2.500 Stühle, die er aus allen Epochen und allen Ecken der Welt zusammengetragen hat.

Viele Ausbildungsberufe wurden zu Studiengängen, viele neue Studiengänge, etwa im Bereich Pflege, machen den Ausbildungsberufen Konkurrenz. 20.000 verschiedene Studienfächer gibt es heute. Und nur 326 Lehrberufe. Manchmal ist weniger eben mehr.