Als Inbegriff des Klischees eines blasierten Hauptstadt-Arschlochs, das man ist und das ohnehin von morgens bis abends die Augen verdreht über erstens: das Abfeuern von Berlin-Klischees als zentralen Bestandteil der Berliner Alltagskultur und zweitens: ihre manifesten Auswirkungen auf die sogenannte Wirklichkeit (die S-Bahn, die Kita-Plätze, den Winter, den Wohnungsmarkt, die Anti-Eleganz, die Anti-Freundlichkeit, das scheußliche Schloss, den scheußlichen Flughafen, den Willen zur Scheußlichkeit also) – als dieses blasierte Hauptstadt-Arschloch verdreht man natürlich gerade dann so richtig die Augen, wenn mal wieder ein Berlin-Film oder eine Berlin-Serie erschienen ist. Aktuell passiert das nahezu täglich (Babylon Berlin, Dogs of Berlin), und da fühlt sich der oder die Berlin-Klischee-Sonderbeauftragte sofort eingeladen durchzugreifen. Zum einen, weil man es selbstverständlich besser weiß, aber auch, weil man an diesen Berlin-Filmen nicht vorbeikommt. Denn die werden immer in dem Haus gedreht, das man aktuell bewohnt, und nebenan wohnen die Schauspieler, die mitspielen, und beim Bäcker kann man nicht mehr sagen, ob neben einem nun der Anführer eines sogenannten kriminellen Clans steht oder nur der den Anführer eines sogenannten kriminellen Clans darstellende Schauspieler (scary, wenn einem das mit Ulrich Matthes und Goebbels passiert). Das sind Momente, in denen man beginnt, an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln, beziehungsweise – Triggerwarnung – Fiktion und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten kann, weswegen man dann rasch "Derealisation" googelt und sich fragt, wie dieser Hund von einem Autor heißt, der sich die Szene, in der man gerade mitspielen musste, ausgedacht hat.

Und weil man die eigene Wohnung ohnehin nicht mehr verlassen kann (der Winter, die S-Bahn, die Kita-Plätze) und to be honest echt kein besonders spannendes Hauptstadtleben führt, bleibt man also zu Hause und zieht sich schlecht gelaunt die neuesten Berlin-Filme und Berlin-Serien rein, die einem erzählen, wie abgefahren es ist, in dieser fürchterlichen Stadt zu leben. War man sich, nachdem man die Netflix-Produktion Dogs of Berlin (Clankriminalität, Nazis, korrupte Polizisten) durchgearbeitet hatte, sicher, gerade die schlechteste (beziehungsweise die beste, stimmt beides) Filmproduktion der Welt gesehen zu haben, so kann es sein, dass dieses Urteil relativiert werden muss, spätestens wenn im Mai Berlin, I Love You erscheint. Zumindest legt das der Kino-Trailer nahe. Es soll sich dabei um einen Episodenfilm handeln, in dem von verschiedenen Regisseuren (Ai Weiwei, Tom Van Avermaet, Til Schweiger) verschiedene Liebesgeschichten erzählt werden, und zwar aus einer "der derzeit angesagtesten Metropolen weltweit" (Zitat Filmwebsite). In dem an Werbung für die Berliner Sparkasse erinnernden Trailer sieht man internationalen Schauspielern (Keira Knightley, Helen Mirren) dabei zu, wie sie hemmungslosen Berlin-Kitsch ausagieren: Sibel Kekilli muss in einem alten Mercedes-Taxi durch die "permanent pulsierende Stadt" fahren (wiederum Zitat Filmwebsite) und dabei freche Sachen sagen (Berliner Schnauze), wobei der pulsierende Charakter der Metropole durch eine U-Bahn und Getrommel und allerlei frei und abenteuerlustig handelnde Schauspieler (Straßenmusiker, Tänzer, Träumer) vermittelt werden soll, die nach Berlin gekommen sind, um "wegzufliegen" oder "wiedergeboren zu werden", aber vor allem, weil "alles möglich ist".

Gar nichts ist möglich, brüllt da das blasierte Hauptstadt-Arschloch, das den Trailer in seiner Wohnung gesehen hat, die es nicht mehr verlässt, und läuft augenblicklich Gefahr, ein weiteres Klischee zu erfüllen, indem es einen Berlin-Hass-Text zu verfassen überlegt (Inhalt siehe oben plus die Punkte 1. Grauenhafte Anziehsachen aus Filz in Prenzlauer Berg, 2. Gespräche über das Wesen Berlins, 3. Gespräche über Gespräche über das Wesen Berlins).

Aber an dieser Stelle muss man sein inneres Hauptstadt-Arschloch mal kurz zur Seite nehmen und sagen: Mausi, wenn du ein bisschen drüber nachdenkst, dann weißt du, dass du es langfristig eigentlich überall, das heißt in jeder Stadt, die deinen verwöhnten Europäer-Ansprüchen gerecht wird, unerträglich fändest. Dein Problem liegt nur teilweise an Berlin, das ohne Frage besonders viele Scheußlichkeiten auf sich vereint, was das Leben natürlich nicht leichter macht. Aber es liegt auch daran, dass es bestimmte Sachzwänge gibt, die es unmöglich machen, innerhalb Berlins regelmäßig "wegzufliegen" oder "wiedergeboren" zu werden. Das macht dich natürlich sauer, denn du musst dein Leben bestreiten, betrittst von Berufs wegen die immer gleichen Schauplätze und hast keine Zeit für Drogen, auch wenn du die als Berlinerin nehmen solltest. Du fliegst also nirgendwohin, sondern verdienst Geld, was naturgemäß unwürdig ist und Enge bedeutet, aber das kannst du Berlin nur bedingt vorwerfen, und würdest du das alles zu Ende denken, dann würdest du wahrscheinlich bei einer recht unausgegorenen Kapitalismuskritik rauskommen, und dieses Die-fetten-Jahre-sind-vorbei-Klischee machen wir jetzt wirklich nicht auch noch mit, oder?