"Napoleon, Zidane und einige Filme von Jean-Luc Godard" – das seien die Gründe gewesen, weshalb er Frankreich zu seiner neuen Heimat gemacht habe, sagt der israelische Regisseur Nadav Lapid. Vor 20 Jahren – er hatte gerade seinen Militärdienst absolviert und begann in Tel Aviv als Journalist zu arbeiten – habe ihm eine innere Stimme gesagt, dass er sein Land verlassen müsse. Und zwar nicht, um sich eine Auszeit zu nehmen, ein paar Monate in Paris zu leben. Lapid wollte seine israelische Identität hinter sich lassen. Er wollte sie vernichten, tilgen, sie restlos durch seine Neuerfindung als Franzose ersetzen. Im Skype-Gespräch zwischen Berlin und Tel Aviv sagt er es noch brutaler: "Israel ist kein Land, das Schreckliches tut, aber seine Existenz bedeutet für viele Menschen permanenten Schrecken. Meine israelische Identität war wie ein Tumor, der herausgeschnitten werden musste."

Lapids Film Synonymes, der im Wettbewerb der Berlinale läuft, ist die Nachzeichnung dieses Selbstversuchs. Nicht einmal zum Französischlernen will Yoav, das Alter Ego des Regisseurs, die hebräische Muttersprache noch verwenden. Synonyme murmelnd, streift er durch Paris und meidet den Blick auf alle Attraktionen. "Er will die Stadt nicht bewundern, er will sie durchdringen, erfassen, zum Teil seiner selbst machen", sagt Lapid.

Auf obsessive Weise umkreist der Film ein großes Thema dieser Berlinale: Heimat. Quer durch die Sektionen untersuchen die Regisseure und Regisseurinnen den Begriff als Projektion, als Innenwelt, als Schreckgespenst – oder als unser aller Sehnsuchtsort. "Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause", lautet ein berühmtes Zitat von Novalis, "Heimat ist dort, wo die Rechnungen ankommen" ein weniger bekanntes von Heiner Müller. Den Raum dazwischen loten die Bilder und Geschichten aus. Sie führen den aufgeladenen, wahrhaft in Grund und Boden debattierten Begriff ins Absurde – und darüber hinaus in die Wirklichkeit und Gegenwart zurück.

Nadav Lapids Flucht in ein französisches Phantasma mag wenig mit dem Schicksal eines syrischen oder kongolesischen Geflüchteten zu tun haben. Und dann eben doch – wenn er über die Gründe spricht, die ihn an Frankreich scheitern ließen: "Um von einer Heimat zur anderen zu wechseln, muss die neue Gesellschaft dich so akzeptieren, wie du bist. Und das ist nicht sehr französisch. Vielleicht auch nicht sehr europäisch." Die Rechnungen des Regisseurs jedenfalls kommen schon seit vielen Jahren wieder in Tel Aviv an.

In dem Dokumentarfilm Fortschritt im Tal der Ahnungslosen wiederum dauert es ein Weilchen, bis man begreift, dass seine scheinbar absurden Szenen und Nachinszenierungen von zwei sehr konkreten Formen des Heimatverlusts erzählen. Schon die erste Einstellung gibt den Ton an: Drei syrische Asylbewerber flitzen mit einem Trabi durch eine ostdeutsche Landschaft. Dazu erklingt die Rundfunksendung Landpartie – Heimatkunde mit Musik, "heute aus Neustadt in Sachsen". Florian Kunerts Film handelt von jener ostsächsischen Gegend der DDR, in der keine westdeutschen Fernseh- und Radioprogramme zu empfangen waren, dem sogenannten Tal der Ahnungslosen. In einem vor Plattenbauten geparkten Auto übt ein älterer Mann mit seiner Frau arabische Vokabeln. In den ausgeweideten Räumen des ehemaligen Landmaschinenkombinats Fortschritt bringen Rentner und Rentnerinnen den Syrern Deutsch bei. Gemeinsam besucht man ein Museum zur DDR-Geschichte. Fein aufgereiht zum Chor, singen die Ostdeutschen auf einer sommerlichen Wiese FDJ-Lieder. Die Szenen haben etwas Entwaffnendes. Sie entfalten ein kulturelles, quasi ethnologisches Dispositiv, auf das Asylbewerber wiederum mit eigenen Nachstellungen ihrer Vergangenheit antworten.

Vollkommen verrückt wird der Film, wenn er eigentlich ganz vernünftig ist, das heißt mit historischem Material arbeitet: Eine Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens zeigt glückliche syrische Vertragsarbeiter bei der Arbeit mit Landmaschinen. Auf einem Staatsbankett lobt Erich Honecker die Freundschaft zwischen den Völkern der DDR und der Syrischen Arabischen Republik. Neben ihm sitzt – Hafis al-Assad, der Vater des gegenwärtigen syrischen Diktators. Er sieht ein bisschen bedröppelt aus, wie ein Gast, den es auf die Party des falschen Vereins verschlagen hat. Nur einmal, kurz, sieht man eine Pegida-Demonstration, auf der die Menge "Schafft sie raus" skandiert.