Kardinal Reinhard Marx © Arne Dedert/dpa

In einem offenen Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, forderten neun Katholiken soeben in der FAS, die katholische Kirche müsse ihre "vormoderne Ordnung" reformieren. Ende Februar ruft der Papst die Bischöfe der Welt nach Rom: zu einem Krisengipfel über sexuellen Missbrauch. Die katholischen Spitzenpolitiker Monika Grütters (CDU) und Wolfgang Thierse (SPD) reagieren auf den Brief und sagen in der ZEIT, was sie von den Bischöfen erwarten.

Verehrte Herren Bischöfe,

seit Jahren diskutieren wir katholischen Gläubigen über den Zustand unserer Kirche. Wir sind traurig über zurückgehende Mitgliederzahlen, über die Zusammenlegung von Gemeinden und den dramatischen Priestermangel. Dass die Bindungen an die Kirche bröckeln, ist für mich als engagierte Katholikin auch deshalb ein so bedrohliches Signal, weil ja andererseits in unserer Gesellschaft, in der der eisige Wind der Globalisierung weht, die Sehnsucht nach Orientierung und Halt wächst. Ausgerechnet unsere Kirche findet darauf kaum Antworten. Und nun auch noch das Ausmaß des Missbrauchs durch katholische Geistliche: Wenn nicht diese Erschütterung als fundamentale Krise begriffen wird – was dann?

© Hermann Bredehorst

Wenn ein Fundament Risse bekommt, kann man das Haus nicht mit Reparaturen an der Fassade retten, sondern muss die Grundfesten erneuern. Deshalb unterstütze ich aus vollem Herzen den Aufruf an die deutschen Bischöfe: Gehen Sie an die Ursachen für die bröckelnden Bindungen!

Eine Gewaltenteilung wurde schon beim Zweiten Vatikanischen Konzil gefordert, vor über fünfzig Jahren; sie ist überfällig. Und Frauen in Weiheämtern würden nicht nur das Gemeindeleben stabilisieren, sondern mit mehr Frauen in dieser männerbetonten Kirche wären so viele Missbrauchsfälle wohl nicht möglich gewesen. Weil es sich hier nicht um Einzelfälle handelt, sondern um ein strukturelles Problem, muss eine entscheidende Antwort sein: dass Diözesanpriester ihre Lebensform frei wählen dürfen, der Zölibat nicht mehr Pflicht ist. Schon das wäre für viele Menschen, Kleriker wie Laien, eine so große Erleichterung! Ich selbst bin dankbar, dass ich in vielen Jahren aktiver Zugehörigkeit zu meiner katholischen Kirche nur guten Seelsorgern, glaubwürdigen Geistlichen und vielen charismatischen Priestern begegnet bin. Diese Erfahrung wünsche ich allen Menschen, die heute auf der Suche sind. Um künftig glaubwürdig zu sein, muss meine Kirche sich endlich öffnen für eine fundamentale Erneuerung.

Ihre Monika Grütters

© Wolfgang Thierse, MdB

Sehr geehrter, lieber Herr Kardinal Marx,

ich kann mich dem Brief der Katholiken, die die systematischen Gründe des Missbrauchs in unserer Kirche beheben wollen, nur anschließen. Dass ich mit den Inhalten übereinstimme, wird Sie kaum verwundern – nachdem das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, dem ich angehöre, im vergangenen Herbst bereits dasselbe gefordert hat. Dies war als Unterstützung für Sie als Vorsitzenden der Bischofskonferenz gemeint. Denn viele deutsche Bischöfe sehen offenbar die Dringlichkeit der Missbrauchsaufklärung und der daraus folgenden notwendigen Kirchenreformen noch immer nicht ein. Beides geht viel zu langsam voran. Leider! Denn eine unaufrichtige und undeutliche Linie der Bischöfe wird weder das Kirchenvolk noch die Öffentlichkeit überzeugen.

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) ist beim Thema Missbrauch zerstritten – und weniger mutig, als der Papst es erlaubt. Ich gebe zu, eine Kirche ist keine Partei mit einer Einheitsmeinung. Ich erwarte von der Kirche auch keine Stromlinienförmigkeit, sondern Widerborstigkeit. Aber wo bleiben die unmittelbaren Konsequenzen des vielfachen sexuellen Missbrauchs und seiner Vertuschung? Ich wünsche mir, dass die DBK hier vorangeht: Schluss mit Vertuschungen, personelle Konsequenzen, Übergabe von Missbrauchsfällen an die staatliche Justiz, echte Gewaltenteilung auch in der Kirche, also unabhängige Gerichtsbarkeit. All das sollte so bald wie möglich eine Selbstverständlichkeit sein, all das sollte öffentlich sichtbar werden – um der Glaubwürdigkeit der Kirche willen!

Nein, sexueller Missbrauch ist kein nur kirchliches Problem. Aber die Kirchen müssen zeigen, wie man mit solchen Verbrechen konsequenzenreich umgeht. Sie müssen der Gesellschaft endlich ein positives und nicht wie bisher ein negatives Beispiel geben. Wie? Ich glaube, das klerikale Sonderbewusstsein muss weg. Alles andere folgt daraus. Das hofft

Ihr Wolfgang Thierse