Von allen Verbrechen des deutschen Militärs in den Weltkriegen ist dieses wohl das schwerste: die Blockade der russischen Stadt Leningrad vom September 1941 bis zum Januar 1944 durch die Wehrmacht. Die Millionenmetropole an der Newa, die seit dem Ende der Sowjetunion wieder St. Petersburg heißt, sollte nicht besetzt, sondern vernichtet werden. Die Bevölkerung sollte verhungern, die Stadt danach "dem Erdboden gleichgemacht" werden. Deshalb ist es auch abwegig, von einer "Belagerung" zu sprechen oder von dem Versuch, die Stadt "auszuhungern". Mit einer klassischen Belagerung à la Granada 1491 oder Wien 1683 oder Kolberg 1807 haben die 900 Tage von Leningrad nichts gemein. Gleich zu Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion nahm Hitlers Wehrmacht die Stadt gefangen und schickte sie in den Hungerbunker. Dass Leningrad zudem beschossen und von der Luftwaffe gepeinigt wurde, sollte den Sterbeprozess beschleunigen.

Eine Million Menschen fielen dem Völkermordanschlag zum Opfer. Das sind doppelt so viele, wie zwischen 1939 und 1945 durch sämtliche Luftangriffe auf Deutschland umkamen.

Man muss das immer wieder und noch mal schreiben, weil man hierzulande bis heute nicht begriffen hat, was damals in Leningrad geschah. Jetzt immerhin ist auf Deutsch endlich unzensiert ein Buch erschienen, das einen unmittelbaren Einblick gibt in das Leiden der Stadt. Das berühmte Blockadebuch der russischen Schriftsteller Ales Adamowitsch (1927 bis 1994) und Daniil Granin (1919 bis 2017) hat ein besonderes Schicksal, geprägt von der Willkür der sowjetischen Zensur. Denn wie die deutsche Seite nach dem Krieg ihr Mordprojekt als "Belagerung von Leningrad" gleichsam normalisierend vertuschte, so unterdrückte die Kreml-Propaganda alles, was der Legende von der "heldenhaften Verteidigung" der Stadt (die ja gar nicht erobert werden sollte) widersprach. Zwei Lügen beglaubigten einander.

Daher durfte in der Sowjetunion von der wirkungslosen Abwehr so wenig die Rede sein wie von der Höhe der Opferzahl. Der stalinistische Terror, der in der sterbenden Stadt weiterhin gewütet hatte, wurde auch nach Stalins Tod hartnäckig beschwiegen; ebenso tabu blieben die skandalösen Privilegien der hohen Funktionäre. Das Blockadebuch war unerwünscht, es erschien nur zensiert, 1984 in der UdSSR, wenig später in der DDR. Erst 2014 gab es die final ergänzte, vollständige Fassung zu lesen, und erst jetzt hat sie ein deutscher Verlag, der Berliner Aufbau Verlag, endlich übersetzen lassen.

Für ihre 700-seitige Chronik haben Adamowitsch und Granin von 1975 an jahrelang Interviews geführt – das Buch gehört auch zu den ersten großen Werken der Oral History –, sie haben Briefe, Tagebücher und andere Dokumente gesammelt. Nicht um klassische Kriegsberichterstattung geht es den Autoren, sondern um das Verbrechen, das sich Krieg nennt, um die Erfahrung der Gewalt am eigenen Körper. Die Menschen beschreiben teils offen, teils immer noch verschämt, wie sie zwischen Leichen vegetiert, wie sie gierig Leim und Kitt verschlungen haben, wie einige am Ende selbst vor Kannibalismus nicht zurückgeschreckt sind. Oft münden die zeitgenössischen Berichte in die Bitte um ein Ende: "Herrgott, du siehst, wie ich leide, wie hungrig wir sind, ich und meine kleinen Kinder. Wir haben keine Kraft mehr. Herrgott, ich bitte dich, schicke uns den Tod."

Das Blockadebuch hat längst weitere Darstellungen der Leningrader Tragödie inspiriert, wie 2011 den viel beachteten Band Blokada der konservativen britischen Publizistin Anna Reid. Daniil Granin selber sprach, 95-jährig, in der Stunde zum Holocaust-Gedenken 2014 vor dem Bundestag und legte dort mit leiser Stimme von der Schreckenszeit Zeugnis ab. Vor zwei Jahren starb er, auch sein Mitautor ist tot. Es bleibt dieses Buch: die Wahrheit über ein Verbrechen, den Ermordeten zum Denkmal, ein Testament für alle Zeit.

Ales Adamowitsch und Daniil Granin: Blockadebuch
Leningrad 1941-1944; übersetzt von Ruprecht Willnow und Helmut Ettinger; Aufbau Verlag, Berlin; 703 S.; 36,– €