Im ersten Moment: ein abstraktes Farbspektakel in Rot, Gelb, Weiß, Blau, Grün. Schärft man den Blick und lässt ihn einen Moment ruhen, erschließen sich wie auf einem riesigen Wimmelbild konkret erfassbare Figuren. Als ob der Fotograf Andreas Gursky die Pausentaste gedrückt hätte, ist auf seinem Foto das hektische Geschehen auf dem Parkett der Chicagoer Börse erstarrt.

In dem achteckig strukturierten Raum, genannt "The Pit", kaufen und verkaufen Hunderte Broker verschiedene Wertpapiere und verständigen sich dafür untereinander mit speziell definierten Handzeichen. Obwohl die vielen Bildschirme vom digitalen Zeitalter zeugen, liegen überall auf dem Boden achtlos beiseitegeworfene Zettel. Geld, etwa in Form von Scheinen, sucht man auf diesem Kunstwerk vergeblich – es liegt gewissermaßen in der Luft.

Für seine Bildkomposition hat Andreas Gursky das Motiv von unterschiedlichen Standpunkten aus fotografiert. In der Nachbearbeitung am Computer fügt er die Aufnahmen schließlich so zusammen, dass ein verdichtetes Bild entsteht – "Stricken" nennt der Düsseldorfer Fotograf diese Technik. Das schlichte dokumentarische Abbild, für das die Fotografie seit ihrer Erfindung steht, ist Gursky nicht genug. Mit digitalen Mitteln konstruiert er eine Wirklichkeit und setzt sie – wie ein Maler, frei von Zwängen – so zusammen, wie es ihm gefällt. Auf diese Weise entstehen surreal anmutende Bilder, die dennoch plausibel bleiben müssen, um den Betrachter zu überzeugen.

In der Zeit, zu der Gursky auf diese Weise Aufnahmen in Fabriken macht, entstehen auch seine ersten Fotos einer Börse. Mit mehreren Jahren Abstand fotografiert er die Börsensäle in Tokio, New York, Hongkong, Chicago und Kuwait.

Heute gehören Gurskys Aufnahmen zu den bestbezahlten der Welt. Ein Bild aus der Serie über die Chicagoer Börse wurde 2013 für mehr als zwei Millionen Euro bei Sotheby’s in London versteigert. Chicago Board of Trade II, das in einer Edition von sechs Stück existiert, hängt heute unter anderem im Kunstmuseum in Bonn, im Museum of Contemporary Art in Chicago und in der Tate Gallery in Liverpool.

Überblick und bildliche Details, die Mischung aus dem großen Ganzen und dem ganz Kleinen sind typisch für Gurskys Werke. Aber so, wie er seine Bilder baut, sieht das menschliche Auge nicht. Es findet beim Betrachten keinen Halt und droht sich zu verlieren. Zurück bleibt ein Gefühl der Verunsicherung, mindestens aber der Verwirrung, das subtil wirkt und gut zum Motiv der Chicagoer Börse passt: Die grenzenlose und entfesselt gezeigte Handelswelt überfordert den Betrachter. Ein Spiegel seines hilflosen Gefühls auch in der spätkapitalistischen Gesellschaft?

Es gibt eine interessante, wenn auch nicht ganz naheliegende Parallele zwischen Gurskys Bild und Schlachtenbildern der Antike, des Mittelalters und der Renaissance: die vielen, detailliert dargestellten Figuren. Ein Zufall, dass Gursky an diese Bildtradition anknüpft?

Immerhin zeigt er das entscheidende Schlachtfeld unserer Zeit, den archaischen, wenn auch nicht mehr blutigen Wettkampf um Ruhm, Macht und Reichtum. Wo früher Standarten und Wappen Stellvertreter von Königen und Kaisern markierten, sind die Vorkämpfer einzelner Unternehmen heute an der Farbe ihrer Jacken zu identifizieren. Doch mitten in diesem Chaos fällt ein entscheidender Unterschied auf: Während damals die Herrscher häufig selbst zu Pferd ihre Ritter und Soldaten anführten, sind auf dem modernen Kampfplatz der Wirtschaft keine Anführer zu sehen. Die Lenker der heutigen Globalisierung bleiben für den Betrachter unsichtbar – und damit häufig auch unbekannt.