Am letzten Januartag dieses Jahres kam es im hessischen Ober-Ramstadt zu einer denkwürdigen Begegnung: Ein gottloser Wolf traf auf ein christliches Lamm – Wolf Biermann begegnete dem Liedermacher und Pfarrer Clemens Bittlinger, der ihn zu einem Literaturabend in die Stadthalle eingeladen hatte. Und ganz gegen die Natur vertrugen sich die beiden blendend: Bittlinger lieh dem Großmeister sogar seine Gitarre, damit er sein legendäres Lied Ermutigung auf der Bühne singen konnte. Biermanns "Du lass dich nicht verhärten"-Refrain hat es immerhin schon in das schwedische Gesangbuch geschafft. Bittlingers Lieder gehen vielleicht nicht in die Musikgeschichte ein, dafür kennt sie aber fast jeder Christenmensch in diesen Breiten. Er hat etwas erreicht, was nur wenigen Songwritern gelingt: dass etliche seiner Stücke von seinem Namen gelöst zum Volksschlager wurden. Die Melodien eingängig, die Texte einfach, zum Mitsingen gedacht, auf Teilhabe angelegt: Seit mehr als 35 Jahren rockt der in Mannheim geborene Pfarrerssohn große und kleine Bühnen im christlichen Raum, 100 Konzerte kommen da locker jährlich zusammen.

Mit 14 fing Bittlinger an, "kleine Glaubensliedchen" zu schreiben, weil ihn dieser "Reformjude Jesus" nicht mehr losließ: "Ich versuchte ihm nachzustolpern, und das tue ich bis heute", sagt Bittlinger mit seinem gewinnenden Johnny-Cash-Lächeln. Auf der Gitarre aber stolpert er nicht, spielt flink die schnellen Läufe im amerikanischen Fingerpicking-Stil der Ragtime-Gitarristen. Textliche Anleihen holte er sich bei Konstantin Wecker. Dass da schon mal ein Reim danebengeht, eine Strophe holpert, ist nebensächlich – Bittlinger verkauft diesen Mangel dann eben augenzwinkernd als Hinweis, dass der Mensch unvollkommen sei und erst in der liebenden Gemeinschaft sich vervollkommnet. Mit dem Schweizer David Plüss (Akkordeon und Synthesizer) spielt er seit Anbeginn zusammen; mit seiner Band, vervollständigt durch Adax und Matthias Dörsam und David Kandert, ist er der Top Act bei jedem Kirchentag, aber auch bei Katholikentreffen. Er hat eine halbe Pfarrstelle, auch da sucht er nach neuen kreativen Aktionen, um die Gemeinde zum Glauben zu mobilisieren.

Bittlinger schrieb Bücher zusammen mit Klaus Berger und Anselm Grün – in diesen Tagen erscheinen sein neues Buch Bleibe in Verbindung und eine neue CD gleichen Titels. Der Barde ist eine Mischung aus Bruce Springsteen und Jürgen Fliege, sanft und gleichzeitig unbequem. In seinen Liedern schlägt er auch sozialkritische Töne an: "Als ich mein kritisches Lied 'Mensch Benedikt' auf dem Katholikentag 2008 vorstellte, erhielt ich von katholischen Fundamentalisten Morddrohungen." Bittlinger hatte den damaligen Papst wegen seines antiökumenischen dogmatischen Starrsinns scharf angegriffen. Es ist eher selten, dass ein frommes Schaf einem Oberhirten die Zähne zeigt.

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