Zuerst die Warnungen. Bestimmten Personen kann die Lektüre von Clemens Setz’ Der Trost runder Dinge nicht reinen Gewissens empfohlen werden (schmutzigen Gewissens tun wir es natürlich trotzdem). Das sind, ohne Garantie auf Vollständigkeit: zartbesaitete Sterngucker, die in ländlichen Regionen mit dunklem Nachthimmel wohnen, Katzenphobiker (es sei denn, sie sind auf Konfrontation aus), der Schriftsteller Norbert Gstrein, der zum Selbstberuhigungsmantra verwurstet wird. Sehr zu empfehlen, aber nur bei korrekter Anwendung, ist das Buch wiederum jedem denkenden, fühlenden Ding, das noch leidlich seinen Alltag bewältigt, aber dicht an der Derealisation gebaut ist, dessen Amygdala hyperaktiv ist, dem der Kopf manchmal vor Welt zu platzen scheint und so weiter und so fort – jedes so konstituierte Seelending kann hier eine Menge Trost finden. Auch, aber keineswegs ausschließlich in runden Dingen. Sofern es für die Lektüre eine halbwegs stabile Phase wählt. Wenn die Haut eh gerade schon sehr dünn ist, perforiert dieses feuerfreudige neuronale Prosanetzwerk sie erst recht.

Clemens Setz, stammend aus und wohnhaft in dem Mekka widerspenstiger deutschsprachiger Literatur, nämlich der schönen Stadt Graz, ist ein ziemlich produktiver Autor. Mit 36 Jahren hat er bereits zwölf Bücher veröffentlicht, also im Schnitt seit seiner Geburt alle drei Jahre eins. Darunter immerhin vier ausgewachsene Romane. Der letzte, Die Stunde zwischen Frau und Gitarre, das mutierte "friendly alien" eines Romans, folgte der Heldin Natalie Reinegger über tausend Seiten hinweg sogar noch in die entlegensten Windungen ihres Gehirns. Nun also ein neuer Band mit Erzählungen.

Er beginnt mit einem "Lazarettfeld". Um einen Krieg geht es hier allerdings (noch) nicht. Der Erzähler, nervöser Schriftsteller, bricht in leidlich gefasstem Zustand zu einer beruflichen Reise nach Kanada auf. Doch ein defektes Flugzeug kommt dazwischen, sodass wir Zeugen seiner Bemühungen werden, in der Flughafenhalle die Contenance zu wahren. Das ist stellenweise höllisch komisch, aus nahezu jedem Satz sprüht ein übertakteter Geist, extrem fix, aber heißgelaufen. "Die lange Wartezeit machte alle Menschen zu Figuren in meinem Computerspiel. Sie wurden NPCs, non-playable characters. Ich stellte mir Unaussprechliches mit ihnen vor." Die Auftakterzählung endet in einer bizarren Überblendung von Emanzipationsakt und Horror-Plot-Twist.

Das Groteske, oft mit dem Alltag verflochten, ist fester Bestandteil des Setzschen Repertoires. Ferner enorm kreative Neurosen. Wir erfahren etwas über den Geschmack von Spinnen oder folgen einem Gespräch über ein Kind, das offenbar zu einem beunruhigenden Automaten transformiert oder durch ihn am Leben erhalten wird. "Geisteskrank", denken die Protagonisten bei der geringsten Irritation oder äußern Wünsche von zeitloser Gültigkeit: "Ein Amokläufer möcht ich sein, am hohen Nordpol ganz allein."

Dass Sätze wie dieser kaum je den blumigen Geruch des Bonmots verströmen, liegt an der Verwundbarkeit, die das von allerlei wunderbarem Wissenströdel durchsetzte Sprachgestöber glaubhaft antreibt. Verzweifelt lebendig ist das. Ein Motiv greift ins andere, wird abseitig, aber unmittelbar einsichtig variiert, es geht vom Hölzchen aufs Stöckchen oder gleich zum lockeren Schräubchen, sodass auch mal "Beginen befühlen Norbert Gstrein" dabei rauskommt. Die zuweilen tourettehaft sich verselbstständigende akustische Sensibilität ist ansteckend. Dabei haben die Texte wenig Ähnlichkeit mit der sperrigen Avantgarde à la Joyce. Hier erzählt das Bewusstsein von sich selbst. Es ist durch und durch reflektiert, immer schon auf Kommunikation ausgerichtet. Besonders intensiv ist das im längsten Text des Bandes, Geteiltes Leid, der Fall. Ein alleinerziehender Vater instrumentalisiert seine unaufgeregten Kinder, um mit seiner unaussprechlichen Angst leben zu können. Oder instrumentalisiert er die Angst, um seinen Kindern nah zu sein? Es ist vertrackt, witzig, tragisch. Setz weiß, wovon er redet, hat er doch vor drei Jahren dem ZEITmagazin davon berichtet, wie sich seine langjährigen Panikattacken schließlich als von einer schnöden Gastritis induziert herausstellten.

Die Katze wohnt im Lalandeschen Himmel rekonstruiert im Stil einer historischen Dokumentation – es gibt Fotos und Fußnoten – mit kurzer Rahmenhandlung die berührende und unheimliche Geschichte des Psychiatriepatienten und Malers Bernard Henri Conradi, dessen Leben geprägt war von der Kenntnis eines schrecklichen Sternbildes. Nachdem einem verrücktes Denken derart vertraut geworden ist, funktioniert sogar die unmittelbar darauf folgende Love-Story, in der eine Sarah angeblich den Vater ihres Sohnes sucht, als maschinenübersetzter Spammail-Sprachsalat.

Wie bei gesammelten Erzählungen häufig, finden sich auch unter diesen ein paar schwächere Texte. Kvaløya verlässt sich zu sehr auf ein mysteriöses "Or" als MacGuffin-Ersatz. Ähnlich die Inklusionsparabel Der Schulhof. Ab und zu gerinnt die Exzentrik dann doch beinahe zur Pose, etwa in den ausgefeilten Dialogen zwischen dem Erzähler und seiner Freundin am Anfang. Die Prosaminiaturen sind eher Zwischenspiele. Als solche funktionieren sie wiederum, wie überhaupt die Zusammenstellung dramaturgisch klug konzipiert ist. Literatur, die so klarsichtig den prekären Weltgenerator in unseren Köpfen in Szene setzt, findet man nur selten.

Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge. Erzählungen; Suhrkamp Verlag, Berlin 2019; 320 S., 24,– €