Von einem brisanten Vorschlag oder einer heftigen Debatte war keine Rede, als die Deutsche Bischofskonferenz vor einigen Tagen eine ihrer Pressemitteilungen verschickte: Zwei Tage lang hatten die 27 deutschen Ortsbischöfe in einem alten Würzburger Kloster beraten. Es ging um die Krise der katholischen Kirche nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie, um die Glaubwürdigkeit und den Veränderungswillen von Deutschlands Spitzenkatholiken.

Jede Zeile der offiziellen Zusammenfassung liest sich danach wie der Versuch, das Treffen möglichst unspektakulär erscheinen zu lassen: Von neu gegründeten Arbeitsgruppen erfährt man, von geplanten Gesprächen mit der Politik.

Nach Informationen von Christ&Welt verlief das Treffen der Bischöfe und Erzbischöfe, der sogenannte Ständige Rat, Ende Januar in Franken längst nicht so ereignisarm, wie es nachher klingen sollte: In den früheren Räumen des Klosters Himmelspforten kam es zu einem Eklat. Die wichtigsten Kirchenmänner des Landes sind in der Frage zerstritten, wie die katholische Kirche auf die Missbrauchskrise reagieren soll. Der Konflikt entzündete sich an Punkt 0.2 der Tagesordnung: Die Runde stritt über einen Vorschlag von Brisanz, der das Kräftegewicht innerhalb des deutschen Katholizismus auf Dauer verschieben könnte.

Eine Gruppe von vier Bischöfen hatte den Amtskollegen ein zweiseitiges Papier vorgelegt. Die Idee: eine nationale Synode als großes Debatten- und Diskussionsformat, auf dem Laien, Theologen, Kirchenkritiker, Experten von außen und Bischöfe über jene systemischen Veränderungen streiten, die die Kirche jetzt brauchen könnte. Über den Zölibat würde dort wohl gesprochen, über den Umgang mit Homosexualität und die Frage, wie sich Machtmissbrauch in Zukunft verhindern lässt, der, wie der neue Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer es nennt, "in der DNA der Kirche" stecke.

Im innerkirchlichen Machtverhältnis wäre eine Veranstaltung wie diese eine kleine Revolution. Die Bischöfe würden sich auf ein Terrain bewegen, das sie nicht mehr kontrollieren können. Sie würden sich eingestehen, dass sie in einer pluralen Kirche die Diskurshoheit verloren haben. Es wäre so etwas wie die Demokratisierung des deutschen Katholizismus. Die obersten Kleriker wären in einer solchen Veranstaltungsreihe nur 27 Teilnehmer unter vielen.

So weit wird es wohl erst einmal nicht kommen: Nach Informationen von Christ&Welt konnte sich der Vorschlag in der Runde nicht durchsetzen. Eine Abstimmung gab es offenbar nicht. Doch am Ende einer wohl auch lautstark geführten Debatte fehlten die Unterstützer. Vor allem konservativen Bischöfen, so heißt es, gingen die Zugeständnisse an Laien und Kritiker viel zu weit. Auch die Erkenntnis, dass die Missbrauchskrise zu tiefgreifenden Reformen führen muss, teilen längst nicht alle. So gilt etwa der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer als Gegner größerer Veränderungen. Die Rede von einem "Neustart" oder auch von einer "Zeitenwende" sei oberflächlich und gefährlich, predigte er kürzlich. In Würzburg, so heißt es, sei die Mehrheit der Bistumschefs vor allem durch Zaudern aufgefallen.

Ein ungewöhnlicher Reformvorschlag ausgebremst und zerredet von den mächtigen Kirchenfürsten? Für Befürworter der Reformidee ist es ein Zeichen, dass noch immer wesentliche Bischöfe den Ernst der Lage nicht erfasst haben. Zugleich ist es ein Affront gegenüber den vier Autoren – ein ohnehin schon ungewöhnliches Quartett: Federführend für das Papier sind der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf, der Essener Bistumschef Franz-Josef Overbeck, Karl-Heinz Wiesemann aus Speyer und Stefan Oster aus Passau. Gerade Letzterer zählt zwar zu den Jüngeren, gilt aber eigentlich als konservativ und nicht gerade reformfreudig.

In ihrer Vorlage beschreiben sie die Situation ihrer Kirche schonungslos – und mit dramatischen Sätzen: "Die Kirche befindet sich in einer existenziellen Krise, die vom Missbrauchsskandal nicht ausgelöst ist, hierin wohl aber einen Brennpunkt findet", heißt es in dem Papier, das Christ&Welt vorliegt. "Leben und Reden fallen in der Kirche weit auseinander." Es gehe jetzt darum, eine "Isolation der Bischöfe" aufzuheben. Nötig sei ein kirchlicher Wandel, "der mit einem Mentalitätswandel (Demut) der Verantwortlichen beginnen muss". Den Ausweg aus der Krise beschreiben sie fast schon als demokratischen Prozess: Das "Suchen und Ringen um Lösungen" müsse "offen, transparent und partizipativ gestaltet" werden.

Dem Text des Quartetts ist anzumerken, wie sehr die Autoren hoffen, der Vorstoß könne helfen, nicht mehr als Getriebene, Beschwichtiger und Aussitzer wahrgenommen zu werden: Wenn die Initiative für die "synodale Veranstaltung" jetzt von den Bischöfen selbst ausgehe, klingen sie ein wenig wie Berater für kirchliche Krisen-PR, "wäre dies sicher ein breit wahrnehmbares und starkes Signal". Die Erwartungen, ist sich die Runde in dem internen Papier einig, würden wohl "erheblich" sein. Der "Dramatik der Situation", meinen sie, werde ihre Idee aber gerecht. Sie könne einen Impuls zum "Aufbruch der Kirche in Deutschland" setzen. Ganz nebenbei ist der Vorschlag ein Signal an den Vatikan: Am Ende einer solchen Synode könnten eben auch "regionale Lösungen" stehen. In der hierarchisch verfassten Kirche ist das alles andere als ein alltäglicher Vorgang.

Umso größer soll in der Gruppe nun die Enttäuschung darüber sein, dass Mut und eine ehrliche Problemanalyse nicht belohnt werden, sondern dass man von zaudernden und reformunwilligen Amtskollegen gestoppt wurde.

Erst am Wochenende wurde deutlich, welche Chance sich die Bischöfe selbst genommen haben. Der öffentliche Brief an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, den acht Theologen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlichten, ließ die Bistumschefs mal wieder als Reformbremser dastehen, die sich nichts trauen. "Stellen Sie den Diözesanpriestern die Wahl ihrer Lebensform frei, damit der Zölibat wieder glaubwürdig auf das Himmelreich verweisen kann. Hören Sie auf das Zeugnis der Bibel und auf die Erfahrungen von Gläubigen, und machen Sie einen Neustart mit der Sexualmoral – eine verständige und gerechte Bewertung von Homosexualität inklusive", heißt es in dem Appell. Die Krisendebatte – sie ist nicht zu stoppen. Und trotzdem sieht es so aus, als schaute die Deutsche Bischofskonferenz weiterhin wie gelähmt zu.