Alina Oehler (27) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

In Buchhandlungen ist es nicht zu übersehen: das große Angebot an esoterischen Büchern und Geschenken wie Tarotkarten, Pendeln, Edelsteinen und allerlei skurrilem Krimskrams. Echte Bestseller scheinen jedenfalls Engel zu sein – ob auf Buchrücken oder bei Deko-Objekten. Neulich sah ich einen teuren kugelförmigen Anhänger mit einer Glocke darin – das Versprechen: "Ihr zarter Klang ruft deinen Schutzengel und schenkt dir Kraft, Liebe, Hoffnung und Selbstvertrauen."

Auch wenn viele den Bezug zu Kirche und institutionalisiertem Glauben verloren haben, scheint ein beständiges Interesse an Spiritualität und Transzendentem durchaus vorhanden zu sein. Dass die Kirche daraus kaum Kapital schlägt, ärgert mich. Ich habe auch schon Engelanhänger für den Autoschlüssel bekommen, kleine Schutzengel. Einen Bezug zur Kirche hatten sie aber nicht.

Doch eigentlich steckt dahinter so viel mehr als nur ein Motiv für ein Hab-dich-lieb-Geschenk. Der Glaube an die Geistwesen ist religions- und kulturgeschichtlich sehr alt: Die Bibel ist voll von Engel-Berichten, im Alten und Neuen Testament tauchen sie ständig auf: am prominentesten vermutlich der Erzengel Gabriel, der Maria verkündet, dass sie Gottes Sohn empfangen wird. Auch für die Reformatoren Luther und Calvin war die Existenz von Engeln selbstverständlich. Und dann ist da ja noch der berühmte Schutzengel, von dem die katholische Kirche lehrt, dass jeder Getaufte einen solchen an seine Seite gestellt bekommt, der ihm gute Gedanken eingibt und ihn vor Gefahren bewahrt.

Was die Kirche der Esoterik voraushat: dass die Engel hier auf einen personalen Gott verweisen, der sie erschaffen hat. Unter anderem als Mittler zwischen ihm und den Menschen. Doch trotz der engelsreichen Tradition fällt es Theologen schwer, darüber zu predigen oder die Menschen auf ihren Schutzengel anzusprechen. Vermutlich liegt das mit daran, dass dem Thema etwas Irrationales anhaftet, was sich mit einer aufgeklärten Gesellschaft scheinbar schwer vereinbaren lässt und bei dem man sich als Akademiker unwohl fühlt. In meinem Theologiestudium tauchten Engel kaum auf. Die "Engellehre" ist mir in den Vorlesungen und Seminaren nie begegnet, und die aktuelle Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche (das Standardwerk für Theologen) bestätigt meinen Eindruck: "Engel spielen heute in der Verkündigung, im Leben der Kirche sowie in der Spiritualität eine marginale Rolle."

Wenn die Kirche ihre Sprachfähigkeit in Dingen verliert, die sich zwischen Himmel und Erde abspielen, ist es nicht verwunderlich, dass die Menschen übersinnliche Antworten in der Esoterik suchen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass viele von "Schutzengelerlebnissen" erzählen können, wenn sie nur knapp einem Unglück entgangen sind oder sich in einer bedrohlichen Situation auf wundersame Weise geborgen fühlten. Das wirft Fragen auf. Engel können so auch ein Weg zurück zum Glauben sein. Sie können eine Brücke für ein Gespräch über Gott sein. Eine Gelegenheit, die man als Kirche eigentlich nicht verpassen darf.