So sehen Sieger aus: Ein Unternehmen aus Aschheim bei München sichert sich als Zahlungsdienstleister im Internet eine Nische, die zum globalen Geschäft wird. Und damit wird aus einem Start-up ein Fintech-Konzern mit Milliardenumsatz. Dieser Coup ist Wirecard gelungen. Seit 2015 hat sich der Wert der Aktie fast verdreifacht. Anfang des Jahres verdrängte das Unternehmen gar die Commerzbank aus dem Dax.

Doch das Image des strahlenden Aufsteigers, der Zahlungen im Internet abwickelt, Technik für bargeldloses Zahlen bereitstellt und eine eigene Bank besitzt, ist beschädigt. Auslöser dafür sind Berichte, für die es zwei mögliche Erklärungen gibt: Entweder ist Wirecard in dubiose Geschäfte verwickelt. Oder Spekulanten versuchen, mit üblen Gerüchten den Aktienkurs zu manipulieren, auf dessen Fall sie zuvor gewettet haben.

Der Auslöser für die jüngsten Unruhen um Wirecard waren zwei Artikel in der Wirtschaftszeitung Financial Times (FT) vergangene Woche. Es ging darin um einen leitenden Mitarbeiter von Wirecard in Singapur, wo die Zentrale des Unternehmens für den asiatischen Markt beheimatet ist. Der Mitarbeiter werde verdächtigt, Verträge gefälscht zu haben, und es stünde der Vorwurf der Geldwäsche im Raum, so die FT. Kurz darauf legte das Blatt nach: Eine Anwaltskanzlei habe das Top-Management über Fälle von Buchhaltungsbetrug unterrichtet. Die Aktie von Wirecard stürzte brutal ab, erholte sich bis Redaktionsschluss wieder, liegt aber noch immer mit 18 Prozent im Minus. Das bedeutet, binnen weniger als einer Woche haben Anleger rund 3,7 Milliarden Euro verloren.

Wirecard bestreitet die Vorwürfe vehement. Interne Untersuchungen sowie die Ermittlungen einer externen Anwaltskanzlei hätten keine Verstöße belegen können. Wobei die Anwälte mit ihrer Arbeit noch nicht fertig sind. Wirecard verspricht, die Ergebnisse öffentlich zu machen.

Aktienkurs Wirecard

Quelle: Thomson-Reuters, Stand: 5. Februar © ZEIT-Grafik

Dort, wo einer verliert, gewinnt ein anderer. Crispin Odey, ein Londoner Hedgefonds-Manager, hatte in den vergangenen Wochen auf fallende Kurse bei Wirecard gesetzt. Die Finanzagentur Bloomberg schätzt, er habe durch den Kurssturz einen Buchgewinn von mehr als 15 Millionen Euro erzielt. Geschäfte wie dieses riefen die deutschen Behörden auf den Plan. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) untersucht nun nicht die in der FT geäußerten Vorwürfe, wie man auf Anfrage mitteilt, sondern, "ob es sich hierbei um mögliche Marktmanipulation gehandelt haben könnte". Der unausgesprochene Vorwurf lautet, Spekulanten wie Odey könnten gewusst haben, dass die FT einen kritischen Artikel veröffentlichen würde. Odey äußerte sich dazu auf Anfrage nicht. Auch die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen unbekannt wegen Marktmanipulation. Wirecard hat Strafanzeige erstattet.

Im Umfeld von Wirecard gibt es immer wieder Vorwürfe. Nach Recherchen der ZEIT durchsuchte die Staatsanwaltschaft München im Dezember 2015 die Geschäftsräume von Wirecard. Die amerikanischen Behörden hatten die deutschen Kollegen um Amtshilfe gebeten – bei Ermittlungen in einem Fall von Geldwäsche. Wirecard teilt dazu auf Anfrage mit, es laufe in den USA kein Verfahren gegen das Unternehmen. Das amerikanische Justizministerium gab an, sich dazu nicht äußern zu wollen.

Öffentlich Ärger gab es zuletzt im Februar 2016. Damals erschien im Internet der Bericht einer Gruppe, die sich Zatarra nannte, dessen Autoren sich nicht zu erkennen gaben. Sie sind Teil einer Szene, die Unternehmen ausforscht, mögliche Unregelmäßigkeiten anprangert, veröffentlicht – und mit fallenden Kursen Geld verdient. In mehreren Reports warfen sie Wirecard vor, an illegalem Glücksspiel und Geldwäsche zu verdienen und zweifelhafte Akquisitionen mit zwielichtigen Geschäftspartnern zu tätigen. Damals verlor die Aktie infolge der Veröffentlichungen 26 Prozent an Wert. Investoren, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, verdienten rund 3,2 Millionen Euro. Wirecard weist die Vorwürfe als völlig substanzlos und unwahr zurück und kündigt an, gegen Angreifer konsequent vorzugehen, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden.