Ein Monarch, der das Volk verachtet, das von seinem Vater ererbte Vermögen verschleudert, seine Frau und seinen Nachfolger öffentlich demütigt, seine Beamten desavouiert, willkürlich in den Gang der Justiz eingreift, verlorene Schlachten anderen in die Schuhe schiebt, die deutsche Sprache verhöhnt, sich mit Lustknaben umgibt und nicht einmal davor zurückschreckt, Zoten über Jesus zum Besten zu geben – wie kann es sein, dass ausgerechnet ein solch dekadenter Rokokofürst zum deutschen Nationalhelden wurde? Die Antwort, die der Oxforder Frühneuzeithistoriker in seiner fulminanten Biografie gibt, lautet, stark verkürzt: Friedrich II. lebte zur richtigen Zeit und starb im richtigen Moment.

Das finstere Bild gibt natürlich nur die halbe Wahrheit wieder. Tim Blanning beleuchtet auch die andere, wohlbekannte Seite der Medaille. Weil Friedrich seinen sämtlichen Ministern misstraute, inspizierte und kontrollierte er höchstpersönlich, was in seinen Ländern vor sich ging; er hörte sich die Klagen der einfachen Leute an, nahm unzählige Petitionen entgegen, arbeitete unermüdlich, teilte auf Feldzügen die Entbehrungen mit seinen Truppen und schonte sich in keiner Weise. Er war nicht nur sein eigener Feldherr und Premierminister, sondern auch sein eigener Kriegsberichterstatter und Historiograf – so etwas hatte es bis dahin noch nicht gegeben. Dass er das Publikum im vertrauten Kreis als dumm und leichtgläubig beschimpfte, hinderte ihn nicht daran, mit unzähligen Essais, Traktaten, Gedichten und Satiren um den Beifall genau dieses Publikums zu werben. Dass er die Papstkirche verachtete, hinderte ihn nicht daran, seinen katholischen Untertanen aus Schlesien für eine Kathedrale in Berlin demonstrativ ein Grundstück gleich neben seinem neuen Opernhaus zur Verfügung zu stellen. Die Beispiele für dieses "Königtum der Widersprüche" (so der Untertitel von Theodor Schieders Biografie 1983) ließen sich beliebig vermehren.

Dass die theoretischen Postulate des Philosophen Friedrich nur schwer mit den Taten des Königs Friedrich in Einklang zu bringen waren, fiel zwar schon vielen Zeitgenossen auf. Doch der selbst ernannte Philosophenkönig traf eben genau den richtigen Ton, wenn er sich öffentlich für den Dienst am Staat, Vertragstreue, religiöse Toleranz und Meinungsfreiheit aussprach. Friedrich legte sich gern verschiedene literarische Masken an, um seine poetische und philosophische Fingerfertigkeit unter Beweis zu stellen und seinem Vorbild Voltaire zu gefallen. Warum auch immer er schrieb, was er schrieb – einen solchen prominenten Fürsprecher ihrer Ideale konnten sich aufklärungsbegeisterte deutsche Patrioten nur wünschen. Das rasch wachsende gebildete Lesepublikum sah in ihm seinen zeitgemäßen Helden; einfache Leute feierten ihn als Volksfreund und Schutzherrn gegen Adelswillkür. Das allgemeine Verehrungsbedürfnis war immens und wurde durch die königlichen Publizitätsoffensiven reichlich bedient.

Auch wenn bei Blanning vom Heldenkult der preußisch-deutschen Nationalgeschichte nicht viel übrig ist, so bleibt doch Friedrich auch für ihn immer noch "der Große". Die wesentlichen Linien seiner Erzählung sind noch die alten. Er deutet Friedrichs Lebensgeschichte wie so viele Biografen zuvor als Bewältigung der Traumata, die der tyrannisch-brutale Vater dem jungen Kronprinzen zufügte. Diese Traumafolgenbearbeitung hatte aber für Blanning zwei ganz unterschiedliche Dimensionen. Der Sohn legte nicht nur all seinen Ehrgeiz in das Ziel, den Soldatenkönig auf dessen ureigenstem Gebiet, dem Militär, posthum auszustechen. Sofort nach dessen Tod entledigte er sich auch umgehend seiner Gemahlin und begann demonstrativ zu kultivieren, was der Vater als "lascive weibliche Occupationes" bezeichnet hatte. Als Abstoßungsreaktion gegen die väterliche Erziehung beschreibt Blanning auch Friedrichs Aversion gegen jede Art von Frömmigkeit und seine Begeisterung für verbotene französische Bücher. Nicht anders als der Überfall auf Schlesien waren die religiöse wie die sexuelle Libertinage Teil der demonstrativen Emanzipation von einem Vater, dessen Brutalität allenfalls durch seine Bigotterie übertroffen wurde. Deshalb spielt das Thema Sexualität in Blannings Gesamterzählung eine ebenso zentrale Rolle wie der Krieg.