Von Herbst 2015 an veröffentlichte ein zunächst anonymer Informant ein halbes Jahr lang geheime Informationen über die Fußballindustrie auf der Website footballleaks.com. Seit zwei Wochen ist klar, wer sich hinter den Football Leaks verbirgt: der Portugiese Rui Pinto. Er wird von den portugiesischen Behörden der Cyberkriminalität beschuldigt. Gegen ihn wurde ein Europäischer Haftbefehl verhängt. Pinto soll über eine enorme Masse – zehn Terabyte – geheimer Daten aus der Fußballwelt verfügen. Er kooperierte mit zahlreichen internationalen Zeitungen, in Deutschland mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Vor drei Wochen wurde Rui Pinto in Budapest festgenommen. Er verbrachte zwei Tage in Untersuchungshaft, wurde angehört und steht nun, mit einer Fußfessel versehen, unter Hausarrest, bis über seine Auslieferung nach Portugal entschieden wird. Er beteuert, allein aus altruistischen Motiven gehandelt zu haben.

DIE ZEIT: Herr Szesny, Sie sind Rechtsanwalt für Compliance, Wirtschafts- und Steuerstrafrecht. Lassen Sie uns aufgrund der aktuellen Entwicklung im Fall Football Leaks über die Unterschiede zwischen Whistleblowing und Hacking sprechen. Sie haben sowohl mit Mandanten gearbeitet, die geheime Daten oder Dokumente weitergereicht haben, als auch mit solchen, deren Reputation durch die Weitergabe und Veröffentlichung von Interna beschädigt wurde.

André Szesny: Es gibt noch eine dritte Gruppe: Journalisten, die Leaks veröffentlichen und sich mit dem Verdacht der Datenhehlerei konfrontiert sehen. Leaking ist eine relativ junge Entwicklung, politisch, ethisch und natürlich auch rechtlich von großem Interesse und hoher Relevanz.

ZEIT: Rui Pintos Verteidiger William Bourdon möchte seinen Mandanten nicht als simplen Hacker abgewertet sehen, sondern als einen "wichtigen Whistleblower". Einen, der stets mit guten Absichten für das Gemeinwohl gehandelt hat. Warum legt er so viel Wert auf diese Darstellung?

Szesny: Ein Whistleblower ist eine Person, die für die Allgemeinheit mutmaßlich wichtige Informationen aus einem geschützten Zusammenhang an die Öffentlichkeit bringt. Missstände oder Straftaten wie Korruption, Insiderhandel, Menschenrechtsverletzungen, Datenmissbrauch oder allgemeine Gefahren. Whistleblower genießen in Teilen der Öffentlichkeit ein hohes Ansehen, weil sie mutmaßlich für Transparenz sorgen und sich als Informanten selbst in Gefahr begeben oder anderweitige gravierende Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Arbeit riskieren.

ZEIT: Verdienen Whistleblower nicht mildernde Umstände – egal, wie sie die Unterlagen beschafft haben?

Szesny: Wer geheime Daten ausspäht oder sich fremde Geschäftsgeheimnisse verschafft und diese weitergibt, macht sich regelmäßig strafbar. Das gilt auch für Whistleblower. In Deutschland wird deshalb lebhaft darüber diskutiert, ob man einen verlässlichen Schutz von Whistleblowern vor Strafverfolgung oder arbeitsrechtlichen Maßnahmen gesetzlich verankern soll. Dies insbesondere für solche Fälle, in denen die Dokumente von einer erheblichen Tragweite und von allgemeinem Interesse sind und die Möglichkeit bieten, Missstände zu beseitigen.

ZEIT: Ist Pinto ein Whistleblower?

Szesny: Das streitet er selbst ja nicht ab. Wer geheime Informationen an Dritte – seien dies Behörden oder Medien – weitergibt, ist ein klassischer Whistleblower.

ZEIT: Laut portugiesischen Behörden soll Rui Pinto im Jahr 2013 die Caledonian Bank auf den Cayman Islands um 270.000 Euro erleichtert haben. Das Geld soll zurückgeflossen sein. Im Herbst 2015 soll er versucht haben, die Sportvermarktungs- und Beteiligungsgesellschaft Doyen mit Insiderwissen zu erpressen. Auch dies, so beteuert er, habe er getan, um Ungerechtes aufzudecken. Glauben Sie ihm?

Szesny: Ich weiß das nicht, und was ich glaube, ist nicht entscheidend. Wenn Sie mich nach meiner persönlichen Meinung fragen, hat jemand, der sich unbefugt Zugang zu einem geschlossenen Datenbestand beschafft, sich einhackt oder sonst wie Zugang bekommt und das öffentlich macht – gerade auch gegen Geld –, zumindest keinen öffentlichen Beifall verdient.

ZEIT: Und wenn ich Sie als Juristen frage?

Szesny: Rechtlich macht sich derjenige, der sich unbefugt in fremde Datensätze einhackt, strafbar. Hacken ist strafbar.

ZEIT: Die Frage, wie sein Mandant an die Dokumente gekommen ist, lässt der Anwalt William Bourdon unbeantwortet. Pinto beteuert, nie etwas für Geld gemacht zu haben.

Szesny: Bei den veröffentlichten Dokumenten handelt es sich offenbar um private oder Firmengeheimnisse. Pinto hat sich zum Herrn über die Beurteilung dieser Angelegenheiten gemacht und Medien zum Kauf angeboten. Seine Motive werden die Ermittler zu klären haben.