Anfangs ist das mit dem Weglaufen ganz einfach: den Eltern erzählen, man spiele bei einem Freund, Koffer aus dem Haus schmuggeln und an den Straßenkreuzungen immer die Abzweigung wählen, die einem wenig vertraut ist. "Jetzt ist es echt. Wir sind verschwunden", sagt Berkan schließlich zu seinem Freund Hendrik. Der nickt, schaut sich um und stellt fest: "Da ist ein Metzger, bei dem ich noch nie Wurst geholt habe. Und eine Schule mit Bildern an den Fenstern, von Kindern, die ich nicht kenne. Ein Mann, der ein Nachbar ist, kommt aus einem Haus, aber es ist nicht unser Nachbar. Er sieht uns an, aber er kennt uns nicht. Ich fühle mich neu."

Hendrik ist acht Jahre alt und erzählt dieses Abenteuer vom Verschwinden, das zugleich eine Geschichte vom Heimatfinden ist. Denn Hendriks Zuhause wird es bald nicht mehr geben. Seine Eltern wollen umziehen. Das Haus ist ihnen zu klein geworden, weil es neben Hendrik und seinem Bruder Mats nun noch die Babyschwester gibt. Zum Glück verdient der Vater mehr Geld, sodass die Familie fortziehen kann. Einmal quer durch die Stadt in ein größeres Haus, mit luftiger Aussicht und einem schöneren Garten. Toll sei das, sagen Hendriks Eltern, er könne sich freuen.

Hendrik freut sich nicht. Er kennt nur ein Zuhause, er mag dieses Zuhause. Besonders mag er den Pfad, der außen am Haus entlangführt und an dessen Ende Berkan wohnt – sein bester Freund.

Nein, hier kann Hendrik nicht weg. Sollen die Eltern doch allein umziehen. Dann wohnt er eben fortan bei Berkan. Dessen türkische Familie quetscht sich ohnehin schon mit fünf Kindern und drei Erwachsenen in zwei Zimmer plus Dachboden. Ein Kind mehr wird da noch reinpassen, denkt Hendrik und schleppt seinen Koffer zu Berkan.

Doch auch dort gibt es Umzugspläne – und einen mächtig schlecht gelaunten Berkan. Seine Familie hat kein Geld für ein größeres Haus, stattdessen müssen sich die acht Menschen neu auf die wenigen Räume verteilen. Berkan soll künftig mit seiner Uroma in einem Bett schlafen. Und die stinkt.

Zwei unglückliche Kinder, die sich ungerecht behandelt fühlen. Die nicht gefragt werden, was sie wollen, sondern sich fügen sollen in das, was die Erwachsenen zum Wohle aller entscheiden. Die ihrer Ohnmacht kindlichen Trotz entgegensetzen und abhauen: Es ist eine oft erzählte Geschichte. Eine, die viele schon selbst erlebt haben – auch wenn sie mit ihrem gepackten Kinderkoffer nur bis ins Treppenhaus oder unter die Tanne des Vorgartens kamen.

Die Belgierin Marian De Smet gewährt Henrik und Berkan einen größeren Ausreiß-Radius, lässt sie ein Abenteuer erleben, das sie in fremde Ecken ihrer Stadt führt, das sie aber immer aus eigener Kraft bewältigen können. De Smet hat keinen actiongeladenen Roadtrip erdacht, vielmehr spaziert sie mit den Kindern durch eine Stadt irgendwo in Belgien und lässt sie kleine Prüfungen bestehen: ohne Fahrschein Straßenbahn fahren, sich etwas zu essen erschleichen. Der Autorin, die neben dem Schreiben als Erzieherin arbeitet, gelingt es auf erstaunliche Weise, wie durch die Augen der Achtjährigen zu blicken. Sie verzichtet auf jede Übersteigerung und lässt alle Dramatik aus dem unverstellten, mal naiven, mal amüsierten, mal überraschend pragmatischen Blick der Kinder entstehen.