Es geschieht nicht oft, dass die New York Times die gemeine Bratwurst aufspießt und aus Mühlhausen/Thüringen berichtet. Die Wurst und die Stadt waren dem Blatt plötzlich einen Sechsspalter wert, weil ein Drittes hinzukam: die deutsche Vergangenheit. Überschrift: "Deutsches Bratwurst-Museum löst unabsichtlich Holocaust-Streit aus".

Das Museum will auf ein neues Gelände umziehen. Leider stellte sich heraus, dass der Boden vergiftet ist. Hier stand das KZ Martha II, ein Außenlager von Buchenwald, wo 700 jüdische Zwangsarbeiterinnen für die Wehrmacht schufteten. Jetzt soll hier die Thüringer Roster gefeiert werden, bewacht von einer Kanone mit einer riesigen Bratwurst im Lauf. Ein "Desaster" nennt es die Lokalpresse. Der Chef der Jüdischen Landesgemeinde: "Heute ein Bratwurst-Museum, morgen ein AfD-Treff. Das können wir nicht erlauben." Hier nicht und wo sonst noch? Wir kennen Dachau – aber auch jene 800 "Locations" anderswo? Buchenwald hatte 139 Dependancen. An tausend anderen Orten wurden Zwangsarbeiter geschunden. Unzählig sind jene, wo knapp 600.000 deutsche Juden gelebt haben.

Der Autor dieser Zeilen wohnt im Hamburger Grindel-Viertel, wo das jüdische Bürgertum zu Hause war. Das Haus wurde von den jüdischen Gerson-Brüdern entworfen, von der jüdischen Warburg-Bank finanziert, von jüdischen Bankern und Ärzten bewohnt, dann von Nazis besetzt. Die Heutigen kennen die Geschichte des Hauses nicht. Nebenan ist die Moorweide, wo Juden für den Abtransport zusammengepfercht wurden. Heute spielen hier fröhlich Kinder. An der Rothenbaumchaussee befand sich ein Folterkeller der Gestapo. Perverse Ironie: Heute ist dort eine Schmerzklinik.

Entweiht ist der Boden überall. Ist deshalb jeder Quadratmeter tabu? Ist ein Multiplex verträglicher als ein Wurstmuseum? Besser als eine Gedenkstätten- ist eine Gedenk-Kultur. Sie erstarrt nicht zu Stein, sondern lebt fort und ändert sich mit jeder Generation. Tot sind die Deutschen, die General Patton an den Leichenbergen von Buchenwald vorbeitrieb. Ihre Kindeskinder brauchen andere Lehrmethoden, um der Opfer zu gedenken. Zum Beispiel Stolpersteine: "Hier lebte XY, deportiert nach Riga, ermordet in Stutthof." Wieso Riga, was geschah in Stutthof? Was ist Antisemitismus neu und alt? Wie entstand Hitlers ungeheure Macht? Wie funktioniert der Totalitarismus?

Lebendiges Gedenken erfordert lebendiges Wissen, das schweigende Denkmäler nicht vermitteln können. Auch nicht ein lieblicher Park anstelle der Würste. Erkenntnis setzt Erkennen voraus. Zum Beispiel die plattgemachte Grindel-Synagoge, an die nur die dicken Striche des Grundrisses erinnern. Regelmäßig das Laub wegzukehren wäre schon mal eine preiswerte pädagogische Leistung. Die Erwachsenen werden mehr von dem Vierteiler Holocaust lernen als von einer ganzen Bibliothek. Die Jungen werden altersgemäß das Digitale schätzen. Alle zusammen dürfen auch ruhig erfahren, wie akribisch diese Republik die Vergangenheit aufgearbeitet hat – und es weiter tut.

Es geht nicht um die Wurst, sondern um Wissen, nicht um Gedenktage, sondern um alltägliche Erinnerung. Wenn die Mühlhäuser die Wurstkanone abgezogen haben, sollten sie eine Informationstafel über Martha II aufstellen. An der kann man vorbeilaufen oder verharren. Wissen kann wehtun, aber klüger macht es allemal.