Gibt es Kranke, gibt es Streit. Wenn Masern ausbrechen, ist der Zwist besonders groß. Die gefährliche Krankheit könnte längst ausgerottet sein, trotzdem kehrt sie regelmäßig zurück. Niesen genügt, damit sich die Viren verbreiten. So wie am 11. Jänner, als ein Jugendlicher in der Ambulanz der Kinderklinik Graz acht Babys ansteckte. Seitdem steigt die Zahl der Infizierten täglich weiter. 28 Menschen sind allein im Jänner in Österreich an Masern erkrankt.

Die Rechnung wäre einfach: Sind 95 Prozent der Bevölkerung geimpft, breitet sich das Virus nicht weiter aus. Dann sind auch jene sicher, die nicht geimpft werden können – Babys sowie Menschen mit bestimmten Erkrankungen und geschwächtem Immunsystem. Doch weniger als 90 Prozent der Österreicher sind geschützt. Wie gefährlich das ist, hat das Vorjahr gezeigt. In der EU wurden fast 13.000 Masernfälle registriert – und 35 Tote. "Diese 35 sinnlosen Toten zeigen, wie gefährlich das Virus sein kann, wenn wir es nicht aufhalten", sagt Heidemarie Holzmann, Virologin an der Med-Uni Wien.

Bis in das Jahr 2014 waren Zahlen zur Durchimpfung in Österreich wenig belastbar. Zwar kannte man im Gesundheitsministerium die Menge der verteilten Impfdosen, doch nicht, wie viele davon für die Erst- oder die Zweitimpfung – die für einen vollständigen Schutz vor Mumps, Masern und Röteln notwendig ist – verwendet wurden. Immer wieder wurde Österreich daran erinnert, dass die Daten mangelhaft seien. Die TU Wien entwickelte schließlich ein mathematisches Modell, um Zahlen zu errechnen.

Das Resultat war ernüchternd: Von den Zwei- bis Fünfjährigen hatten 81 Prozent beide Impfdosen erhalten, von den Sechs- bis Neunjährigen 89 Prozent. Unter den jungen Erwachsenen zwischen 15 und 30 Jahren sind gerade einmal 70 Prozent ausreichend geimpft. Eine halbe Million junger Österreicher kann sich also mit dem Virus anstecken und es verbreiten.

Die niedrigen Impfraten und der Mangel an Daten haben zum Teil einen gemeinsamen Grund: Das Gesundheitssystem. Manche Aufgaben sind Bundessache, manche in der Hoheit der Länder, für andere sind die Kassen zuständig. Daten werden nicht ausgetauscht, die Regeln rund ums Impfen sind überall anders. Für Schulärzte etwa gehören Impfungen nicht zur Routine. Seit dem Vorjahr sind sie zwar dazu verpflichtet, doch wurde diese Bestimmung in den Ländern nur teils umgesetzt. Immer wieder tauchen Fragen über die Haftung auf oder über Lagerung und Transport der Impfstoffe.

Dazu kommt die Vergesslichkeit: "Zum Teil ist kein Bewusstsein mehr dafür vorhanden, wie schwerwiegend diese Krankheit ist", sagt Rudolf Schmitzberger, Kinderarzt und Leiter des Impfreferats der Ärztekammer. "Der verfehlte Begriff Kinderkrankheit klingt verharmlosend."

Das Ziel der Weltgesundheitsorganisation, Masern bis 2020 auszurotten, rückt immer weiter in die Ferne. Gleichzeitig steigt die Zahl der Impfgegner. Dabei ist die Gruppe überschaubar. Laut einer Studie des Karl Landsteiner Instituts aus dem Jahr 2012 macht sie nur vier bis fünf Prozent der Eltern aus. Doch ihre Ablehnung des Impfschutzes hat Folgen. Wissenschaftler der Uni Graz untersuchten einen Masernausbruch, der vor vier Jahren zu 19 Erkrankten in der Steiermark führte. In 14 Fällen waren die Eltern erklärte Impfgegner und "für die Verbreitung der Masern verantwortlich".

Wer mit Impfgegnern diskutiert, stößt auf wiederkehrende falsche Argumente. Die Wissenschaft hat in der Debatte keinen Platz – außer sie passt ins Konzept. Wie eine Studie, die im Jahr 1998 eine Verbindung zwischen dem Masern-Mumps-Röteln-Impfstoff und Autismuserkrankungen gefunden haben wollte. Die Studie war gefälscht, der Autor hat in Großbritannien mittlerweile Berufsverbot. Die Behauptung von damals wird trotzdem gerne weiter verbreitet.