Solche Unwahrheiten tragen zur Verunsicherung bei. Denn ein weiterer Befund der Befragung des Karl Landsteiner Instituts besagt, dass 57 Prozent der Eltern zumindest Vorbehalte gegen Impfungen haben. Wer mit seinen skeptischen Fragen im Internet nach Antworten sucht, landet schnell bei obskuren Irrlehren.

Der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer vermutet hinter der Unsicherheit auch einen Effekt des "paternalistischen Gesundheitssystems" in Österreich. Die Gesundheitskompetenz der Österreicher liegt laut European Health Literacy Survey an vorletzter Stelle in Europa, obwohl hier öfter als anderswo zum Arzt gegangen wird. "Aber weil die Primärversorgung schlecht ist und der Arzt keine Zeit hat, wird der Patient nur versorgt, anstatt ihm seine Krankheit verständlich zu machen", sagt Pichlbauer.

Was helfen könnte? Manche glauben: eine Impfpflicht. Doch in Österreich schrecken die Parteien zurück, ausgenommen die ÖVP-Gesundheitslandesräte in Oberösterreich und der Steiermark sowie die Liste Jetzt. Kein Wunder, denn mit dieser Forderung lässt sich wenig Wählergunst gewinnen. Impfgegner, die kleine Minderheit, machen mächtig Wirbel. Als Italien im Jahr 2017 eine Impfpflicht einführte, gingen Zehntausende dagegen auf die Straße. Das österreichische Gesundheitsministerium wurde mit Mails regelrecht geflutet, in denen Österreicher verlangten, Italienern Asyl zu gewähren.

Wie emotional die Diskussion um eine Impfpflicht ist, erfuhr Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger vor zwei Jahren. Damals forderte sie in Wien einen verpflichtenden Impfnachweis für Kinder in öffentlichen Kindergärten und Schulen. Daraufhin, so erzählte sie auf ihrem Blog, sei sie beschimpft worden, ein Unbekannter habe ihr in der Straßenbahn vorgeworfen, sie wolle, "dass Ärzte wieder Giftspritzen setzen könnten", und damit "Auschwitz wiederhaben".

Die Haltung zur Impfpflicht ist selbst unter Medizinern geteilt. "Mit einer generellen Pflicht würde man Druck schaffen, unter dem auch jene zu Impfverweigerern werden könnten, die eigentlich nur skeptisch sind und die ich mit anderen Mitteln noch erreichen kann", sagt Heidemarie Holzmann. Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie der Universitäten Erfurt und Aachen mit 300 Probanden: In jener Gruppe, die zu einer Impfung verpflichtet worden war, sank die Bereitschaft zu weiteren Impfungen.

Andererseits hat Aufklärungsarbeit allein bislang wenig gewirkt. "Bei uns herrscht viel Egoismus, die Freiheit des Einzelnen soll bitte nicht eingeschränkt werden", sagt Rudolf Schmitzberger. Der Kinderarzt fordert eine restriktivere Linie, ohne gleich von Pflicht zu sprechen: "Man muss Hürden aufbauen, etwa wie in anderen Ländern den Kindergarten- und Schuleintritt an einen Impfnachweis koppeln."

Die Regierung setzt auf Selbstbestimmung und Aufklärung. Die SPÖ möchte, dass Impfen einfacher wird, ebenso die Neos. Im Gegensatz zu ihrem deutschen Pendant FDP setzen die Pinken nicht mehr auf eine Pflicht, sondern auf verpflichtende Beratungsgespräche. Dazu sollen Impfungen im Mutter-Kind-Pass dokumentiert und Bedingung werden, um Familienbeihilfe zu erhalten.

Ähnliche Vorschläge werden von vielen Seiten in die Runde geworfen. Ein Mehr an Schutzimpfungen scheitert bislang allerdings. Etwa an der Frage, wer für eine Impfung von welchem Arzt oder Apotheker an welche Altersgruppe zahlen müsste: Am Ende sind es rechtliche und föderale, sehr österreichische Hürden.

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