Konzerne schützen und ausländische Geldgeber abwehren – diese Vorschläge sorgen für Empörung. Dabei geht unter, was sonst noch in Altmaiers Papier steht. Es gibt nämlich lange Teile, die viel wichtiger und weniger umstritten sind. So stellt der Bericht eine treffende Diagnose für Deutschlands Wirtschaft. In Sachen Innovation stehen das Land und seine Unternehmen schlecht da. Dabei gibt es gerade in den Branchen, in denen Deutschland schon lange stark ist – etwa in der Autoindustrie –, aktuell so große technologische Neuerungen, dass Innovation dringend notwendig ist. Das reicht vom Elektroantrieb bis zum selbstfahrenden Auto. Die Sorge geht um, das Land könne den Anschluss verlieren. Noch viel schlechter sieht es allerdings dort aus, wo neue Märkte erst entdeckt werden.

Den Amerikanern ist Innovation oft besser gelungen. Etwa im Jahr 1966. Im Februar jenes Jahres überredete ein Computerexperte mit dem Namen Bob Taylor den Chef der Forschungsabteilung im amerikanischen Verteidigungsministerium, eine Million Dollar für die Entwicklung eines dezentralen Computernetzwerks lockerzumachen. Drei Jahre später ging das Arpanet an den Start, der Vorläufer des Internets, das dann die Weltwirtschaft revolutionierte. Heute haben fast alle großen Netzkonzerne ihren Sitz in Amerika.

Eine der wichtigsten technologischen Neuerungen der vergangenen Jahrzehnte verdankt ihre Existenz also einer staatlichen Anschubfinanzierung. Was folgt daraus für Deutschland? Soll die Regierung auch hier Geld ausgeben, um bestimmte Technologien zu fördern? Oder ist das alles eine kolossale Verschwendung von Steuergeld?

Die theoretische Grundlage dieser Politik sind Überlegungen, wie sie etwa der Harvard-Ökonom Dani Rodrik angestellt hat. Demnach sind freie Märkte zwar höchst effizient, wenn es um die Entdeckung und Verbreitung neuer Technologien geht, aber auch nicht unfehlbar. So schrecken private Unternehmen unter Umständen vor Investitionen in Zukunftstechnologien zurück. "Es gibt Investitionen, die so unsicher sind, dass Unternehmen allein sie nicht machen", sagt Peter Bofinger. Besonders intensiv hat sich die italienisch-amerikanische Ökonomin Mariana Mazzucato damit befasst. Sie erinnert immer wieder daran, dass grundlegende Innovationen wie das Internet, GPS, der Touchscreen oder Siri ursprünglich von staatlichen Forschern entwickelt wurden. Unternehmen hätten oft einen zu kurzen Zeithorizont, innerhalb dessen sich Investitionen lohnen müssen. Der Staat, so findet sie, könne in solchen Fällen einen Anstoß geben.

Dass Grundlagenforschung in Staatshand oft gut (oder gar besser) funktioniert als privat, ist auch unter ihren Kollegen kaum umstritten. Interessant wird es dort, wo es an die praktische Nutzung dieser Forschung geht. Wo ist die Grenze zu ziehen für den Staat? Wie weit in den Markt sollte er sich wagen? Klassischerweise gilt unter Ökonomen, dass der Staat immer dann eingreifen kann (aber nicht muss!), wenn zwei Voraussetzungen gegeben sind: Erstens, es liegt ein Marktversagen vor. Beispielsweise weil es ein Monopolunternehmen gibt, dessen technologischer Vorsprung so groß ist, dass sich der Angriff für andere nicht lohnt (galt etwa für Boeing/Airbus). Zweitens, der mögliche Gewinn, wenn der Staat sich dem widmet, ist höher als die Kosten seines ebenfalls möglichen Scheiterns.

Ist dann beispielsweise eine staatlich geförderte Batteriefabrik, wie sie in Deutschland diskutiert wird, eine gute Idee? Dazu gehen die Meinungen weit auseinander. Jens Südekum etwa findet solch ein Projekt den Versuch wert, allerdings am besten zusammen mit privaten Firmen. Denn es gilt, was der Wirtschaftsminister selbst zugibt: "Der Staat ist ein lausiger Unternehmer." Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, hingegen glaubt nicht an den Erfolg: "Massenproduktion staatlich zu fördern ist in Deutschland noch immer schiefgegangen", sagt er und verweist auf schlechte Erfahrungen mit Solarzellen- und Handyproduktion. Steuergeld könne man sinnvoller verwenden, als es solcherart zu verbrennen.

Vielleicht könnte Altmaier seine vielen Ideen noch mal durchgehen und dabei einen weiteren berühmten Toten zurate ziehen: den Ökonomen John Maynard Keynes. Der sagte: "Das Wichtigste für Regierungen ist nicht, Dinge zu tun, die Einzelne schon tun, und sie ein bisschen besser oder schlechter zu tun; sondern Dinge zu tun, die heute noch keiner tut."