Erwartungsgemäß gab es auch zum 100. Geburtstag von J. D. Salinger keine neuen Texte, nichts von dem, was in den Jahren zwischen 1965, als der Autor zu veröffentlichen aufhörte, und seinem Tod 2010 entstand. Salinger war damit zufrieden, ganz für sich zu schreiben, er las Frau und Kindern daraus vor, entschlossen, ein Schriftsteller ohne öffentliche Rezeption zu bleiben, nachdem er zuvor genug Rummel erlebt hatte, auf seiner Farm lebend, die er zu einer Festung gegen Neugier und betriebliche Begehrlichkeiten ausgebaut hatte.

"Es wird niemals einen Salinger-Wodka geben", stellte jetzt sein Sohn Matthew in einem Gespräch mit dem Guardian fest. Das war nicht anders zu erwarten. Also kein Merchandising in Zukunft, keine Filmrechte, keine schnell edierten Texte aus dem Nachlass. Es bleibt beim eisernen Willen des Vaters. Verleger berichten, dass Verhandlungen mit dem "Trust", der die Druckrechte hält, ihre Tücken haben. Bis heute dürfen Salingers Bücher nur nach strengen Vorschriften erscheinen. Darüber wachen der Sohn und die letzte Ehefrau Colleen O’Neill.

In einem jedoch machte Matt Salinger Hoffnung. Immerhin bestätigte er, dass sein Vater bis zuletzt eifrig schrieb. Offenbar hatte der aber keinen Ehrgeiz mehr, ein "großes" Werk zu verfassen, notierte zahllose Einfälle, folgte der Faszinationskraft einer Figur, erzählte mit ihr, solange sie ihn beschäftigte. Man wird also annehmen müssen, dass eine komplizierte Editionslage vorliegt. Und in dieser Hinsicht bremste Salinger junior: Das Ganze sei in (seiner) Bearbeitung, aber wann mit einer Veröffentlichung zu rechnen ist, darauf will er sich nicht festlegen. Er hoffe, dass es weniger als zehn Jahre dauern werde.

Der amerikanische Schriftsteller Jerome D. Salinger, Autor des Romans "Der Fänger im Roggen" © dpa

Wenig überraschend ist auch, dass J. D. Salingers literarische Fantasie wohl weiter um die Mythologie der Glass-Familie kreiste, um Seymour, Franny oder Zooey, um ihren Humor, ihre Lebensskrupel und ihre spirituellen Wege. Die letzte veröffentlichte Geschichte, irritierend und weitgehend ignoriert, Hapworth 16, 1924, wird künftig wohl als eine Gelenkstelle in diesem Werk neu bewertet werden. Zeit wäre es für eine gut kommentierte Ausgabe dieser Erzählung und einer deutschen Übersetzung.